Per Suppa im Interview

"Alzheimer-Früherkennung ist wichtig"

published: 08.06.2011

Der Hamburger Medizintechniker Per Suppa hat in seiner Diplomarbeit ein Verfahren zur Früherkennung von Alzheimer entwickelt (Foto: Public Address) Der Hamburger Medizintechniker Per Suppa hat in seiner Diplomarbeit ein Verfahren zur Früherkennung von Alzheimer entwickelt (Foto: Public Address)

Fast acht Millionen Menschen saßen am Sonntagabend vor dem Fernseher, als Günther Maria Halmer in der "Tatort"-Folge "Gestern war kein Tag" einen Demenzkranken spielte. Sie sahen nicht nur eine Mörderjagd, sondern auch einen zeitweise verwirrten Alten und Angehörige, die mit der Pflege überfordert waren. Wie ein Krimi gestaltet sich oft auch im wahren Leben das Schicksal von Menschen, die an Vergesslichkeit leiden. Bis die Diagnose feststeht, sammeln Ärzte und Patienten Indizien und ermitteln in verschiedene Richtungen. Entscheidend für die Betroffenen und die Behandlung ist häufig, ob es sich um die Alzheimer-Erkrankung handelt oder nicht. Man nimmt an, dass in Deutschland etwa 1,3 Millionen Menschen an Demenz und von ihnen 700.000 an Alzheimer leiden. Eine genaue Aussage zur Krankheit zu treffen, ist schwierig, besonders im Anfangsstadium.

Der Medizintechniker Per Suppa hat im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) eine Methode zur Früherkennung von Alzheimer entwickelt. Auf der Hamburger Studententagung zur Medizin- und Biotechnologie stellte der 29-Jährige kürzlich seine Ergebnisse vor und wurde dafür ausgezeichnet. Unikosmos sprach mit dem Wissenschaftler.

Per Suppa und seine Forschung (6 Bilder)

Per Suppa und seine Forschung
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Per Suppa und seine Forschung


Der Fotograf und Kunstsammler Gunter Sachs nahm sich am 7. Mai das Leben und begründete diesen Schritt in seinem Abschiedsbrief mit der Angst vor Alzheimer. Was ist Ihre Meinung dazu?
Per Suppa: "Bei Gunter Sachs war die Krankheit gar nicht klinisch diagnostiziert. Ich glaube, er ist durch eigenständige Recherche zu der Ansicht gelangt, an Alzheimer zu leiden, weil er Demenz-Symptome an sich festgestellt hat. Das halte ich für problematisch, denn es gibt auch andere Ursachen für Demenz: Häufig sind beispielsweise Depressionen der Grund – und die kann man heilen. Als weitere mögliche Ursache für Demenz kommen auch Tumoren in Frage - die kann man therapieren. Auch Vitaminmangel oder Stress führen zu Vergesslichkeit. All das kann behandelt werden. Beim Fall Gunter Sachs ist es sehr schade, dass er einen solchen Entschluss aufgrund von Symptomen gefällt hat, die sehr gut auch andere Hintergründe haben können. Das ist nicht gerechtfertigt – vor allem, wenn man davon ausgeht, dass er ‚nur’ eine Depression hatte.
Aber dieser Fall entspricht einem allgemeinen Trend: Der Patient informiert sich vorab im Internet und glaubt dann im Krankenhaus seinem Arzt nicht mehr. Natürlich ist es legitim, sich zu informieren, aber der Arzt hat schließlich den Vorteil, das gesamte medizinische Gebiet zu überblicken. Oft kann er Alzheimer sogar gleich ausschließen und die wirkliche Ursache herausfinden."

Im Zuge der Diskussion in den Medien nach Gunter Sachs’ Tod wurden Stimmen laut, die die These vertraten, ein Leben mit Alzheimer sei nicht mehr lebenswert und ein Freitod angesichts einer solch ausweglosen Zukunft verständlich. Kann eine frühe Diagnose im Hinblick auf den Schrecken, den diese Krankheit verbreitet, nicht auch negative Folgen haben?
"Aus der Praxis kann ich sagen, dass die Betroffenen wirklich wissen wollen, ob sie an Alzheimer leiden – wohl wissend, dass es keine Heilung gibt. Was ich natürlich nicht sagen kann ist, wie es sich mit einer Alzheimer-Erkrankung letztendlich lebt. Die Patienten können sich im späteren Stadium auch nicht mehr dazu äußern. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sie sich tatsächlich nicht schlecht fühlen, wenn sie in einer Umgebung leben, die ihnen vertraut ist, oder in Tageseinrichtungen, die auf Demenz ausgerichtet sind. Dann scheint es ihnen oft ganz gut zu gehen. Ich persönlich würde nie daran denken, den Freitod zu wählen, nur weil ich Alzheimer habe."

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Alzheimer-Erkrankung für Deutschland gegenwärtig ein?
"Alzheimer stellt eine große Belastung sowohl für die einzelnen Menschen als auch für das gesamte Gesundheitssystem dar. Die Prognosen sagen, dass es immer mehr Fälle von Alzheimer geben wird, da wir Menschen immer älter werden. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, exponentiell an. Und diese Erkrankung führt letztlich immer dazu, dass der Betroffene zum Pflegefall wird. Auch finanziell stellt dies für die Gesellschaft eine immense Belastung dar.
Trotz dieser Bedeutung für die Gesellschaft ist meine Erfahrung die, dass in der Bevölkerung erstaunlich wenig über Alzheimer bekannt ist. Oft wird beispielsweise Demenz fälschlicherweise mit Alzheimer gleichgesetzt, obwohl nur etwa 60 Prozent der Demenz-Fälle auf Alzheimer zurückgehen. Den Menschen ist nicht klar, dass es verschiedene Erkrankungen gibt, die Ursache für eine Demenz sein können. Eine Alzheimer-bedingte Demenz ist zudem nur das Endstadium der Alzheimer-Erkrankung.
Ich glaube darüber hinaus, dass Alzheimer auch eine enorme psychische Bedeutung zukommt. Wenn man, wie beispielsweise meine Oma, an sich selbst feststellt, dass man vergesslich wird, beschäftigt man sich plötzlich mit Alzheimer – und häufig nur mit Alzheimer. So geht es oft schon jungen Leuten."

Gibt es etwas, das man schon in der Jugend tun kann, um das Risiko zu senken, später an Alzheimer zu erkranken?
"Es ist empfehlenswert, sich weiterzubilden und geistig aktiv zu sein. Es ist gut, seine sozialen Kontakte zu pflegen, viele Leute um sich herum zu haben und sich zu engagieren. Man sollte auf gesunde Ernährung achten. Und Sport ist sehr wichtig, um Bluthochdruck zu vermeiden, einen Risikofaktor. Schon in jungen Jahren sollte man sich viel bewegen. Heute weiß man, dass die Alzheimer-Erkrankung schon 20 bis 30 Jahre, bevor Symptome wie Vergesslichkeit auftreten, beginnt."

Worin besteht der Unterschied zwischen der Alzheimer-Erkrankung und anderen Demenz-Erscheinungen?
"Die Alzheimer-Erkrankung beginnt tückisch langsam. Dem Betroffenen fällt vielleicht kaum auf, dass er sich Dinge schlechter merken kann, denn er weiß sich zu helfen und schreibt sich Zettel oder legt Sachen immer an dieselbe Stelle. Alzheimer hat einen ausgeprägt langsamen Verlauf, währenddessen die Symptome immer häufiger auftreten und zunehmend stärker werden. Typisch ist, dass Gedächtnis- und Orientierungsstörungen auftreten. Der Betroffene verläuft sich beispielsweise beim Einkaufen oder findet den Weg nach Hause nicht mehr. Irgendwann ist dann das Demenz-Stadium erreicht, in dem er seine Alltagskompetenz verliert und zum Pflegefall wird. Dagegen nimmt bei anderen Demenzerkrankungen die geistige Leistungsfähigkeit häufig sehr rapide ab."

Lässt sich Alzheimer eindeutig diagnostizieren?
"Wissenschaftlicher Konsenz besteht darin, dass man Alzheimer nach dem Tod bei einer Autopsie sicher feststellen kann. Dort findet man dann typische Veränderungen im Gehirn. Dabei handelt es sich um Ablagerungen in der Gehirnregion, die dafür zuständig ist, Kurzzeitinformationen ins Langzeitgedächtnis zu überführen."

Wie verläuft die Diagnose der Erkrankung, wenn ein Mensch mit diesem Verdacht zum Arzt geht?
"Klinisch diagnostiziert wird Alzheimer, indem der Arzt mit dem Patienten spricht und viele Tests durchführt. Diese bestehen aus zahlreichen Untersuchungen, die beispielsweise die Aufmerksamkeit und die Konzentration messen. Dann sieht der Mediziner eventuell bereits Auffälligkeiten. Besteht zu diesem Zeitpunkt ein Verdacht auf Alzheimer, versucht der Arzt, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, um letztlich die Diagnose stellen zu können. Dazu gehört zum einen, die Hirnflüssigkeit auf bestimmte Proteine zu testen. Und dazu gehören zum anderen auch bildgebende Verfahren."

Diese bildgebenden Verfahren waren das Thema Ihrer Diplomarbeit, in der Sie sich mit der Früherkennung von Alzheimer beschäftigten. Warum haben Sie hier angesetzt?
"Der Arzt kann Alzheimer meist erst dann diagnostizieren, wenn sich die Krankheit schon in einem fortgeschrittenen Stadium befindet und der Patient bereits vergesslich ist. Man weiß aber, dass viele Veränderungen im Gehirn schon viele Jahre vorher auftreten. Diese kann man mit den zwei bildgebenden Verfahren der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) und der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) aufspüren."

Wie kann man sich als Laie diese Methoden vorstellen?

"Bei der MRT legt sich der Patient mit dem Kopf in eine enge Röhre. So lässt sich das Volumen des Hirngewebes darstellen. Das zweite Verfahren ist die PET aus der Nuklearmedizin. Im Unterschied zur unschädlichen MRT hat sie den Nachteil, dass sie mit einer Strahlenbelastung für den Patienten verbunden ist. Der Vorteil ist jedoch, dass man mit ihr sehr gut die Funktion der Hirnzellen betrachten kann. Die PET gibt dadurch Auskunft darüber, ob die Zellkommunikation noch funktioniert oder ob sie schon abgestorben ist. Dies geschieht bei Alzheimer in der Regel, bevor eine Volumenabnahme des Gewebes zu beobachten ist."

Worin bestand Ihre Diplomarbeit genau?
"Ich habe die beiden bildgebenden Verfahren kombiniert. Dadurch vergrößert sich die Aussagekraft. Zudem habe ich eine auf Algorithmen basierende Technik entwickelt, wie man beide Verfahren standardisiert auswertet. Für einen Arzt ist es in einem frühen Krankheitsstadium oft noch sehr schwierig, die relevanten Veränderungen auf den Bildern zu erkennen. Der eine Arzt sieht sie, der andere nicht. Mit meinem Vorgehen bekommt man dagegen rechnergestützt ein verlässliches, objektives Ergebnis. Das funktioniert so: Das Gehirn des Patienten wird über einzelne Bildpunkte und eine statistische Analyse mit denen einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. So sind schon kleinste Veränderungen eindeutig nachweisbar. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass die Alzheimersymptome oft schon erkannt werden, bevor der Betroffene überhaupt merkt, dass er vergesslich wird."

Warum ist es wichtig, dass Alzheimer früh erkannt wird?
"Es gibt keine Heilung für Alzheimer. Aber man kann Therapiemaßnahmen einleiten und so die Symptome hinauszögern. Das bedeutet, dass der Patient bestenfalls drei bis vier Jahre geschenkt bekommt, in denen er noch ohne Beschwerden und fremde Hilfe leben kann. Außerdem ist es für den Patienten auch einfach wichtig zu wissen, an was er leidet. Aus Gesprächen mit Ärzten vom Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) weiß ich, dass die Patienten tatsächlich erleichtert sind, wenn die Diagnose Alzheimer feststeht. Menschlich gesehen, ist diese Gewissheit unendlich wichtig. Versetzen Sie sich mal in einen Betroffenen hinein: Man stellt Symptome an sich fest und weiß nicht, woran es liegt. Man wird womöglich von Arzt zu Arzt geschickt und muss viele mehrstündige Tests über sich ergehen lassen. Das bedeutet eine extreme psychische Belastung für den Patienten. Wenn man die Krankheit früh erkennt, bietet das die Möglichkeit, sich auf sie einzustellen. Dazu gehört auch, die Zukunft aktiv zu planen und über das Finanzielle nachzudenken. Man muss sich fragen: Gebe ich mich in Pflege oder lasse ich mich von meinen Angehörigen pflegen?

Was bedeutet eine frühe Diagnose für die Angehörigen?
"Auch die Angehörigen können in aller Regel besser mit der Situation umgehen, wenn sie frühzeitig wissen, dass es sich um Alzheimer handelt. Sie können sich an den Gedanken gewöhnen, dass sie vielleicht morgen von dem betroffenen Angehörigen nicht mehr erkannt werden. Ich habe diese Situation selber mit meiner Oma erlebt, die vorher nie Anzeichen von Alzheimer gezeigt hatte. Plötzlich erkannte sie mich nicht mehr! Das hat mich sehr hart getroffen. Ich saß fünf Minuten nur da und war geschockt. Hätte ich vorher gewusst, dass sie krank ist, wäre der Schlag nicht so hart gewesen und ich hätte wohl besser damit umgehen können. Auch deswegen finde ich die Früherkennung sehr wichtig. Dazu kommt, dass sie auch die Ursachenforschung erleichtert."

Auf der Hamburger Studententagung zur Medizin- und Biotechnologie am 4. Mai sind Sie für die Präsentation Ihrer Diplomarbeit ausgezeichnet worden. Das Preisgeld wurde u.a. von der Techniker Krankenkasse gestiftet. Was bedeutet Ihnen der Preis?
"Mein Professor hatte mich überredet, an der Tagung teilzunehmen. Persönlich war ich dann total überrascht, dass das Thema so gut ankam. Als ich damals meine Diplomarbeit zusammen mit der BBS medical services und dem UKE entwickelte, hätte ich an so etwas nie gedacht. Der Preis bedeutet mir auch insofern viel, dass es ja mein Ziel ist, über die Krankheit aufzuklären. Nicht nur die Ärzte sollen über die Krankheit Bescheid wissen, auch die Menschen sollen sie besser verstehen. Dass die Techniker Krankenkasse mir den Preis verliehen hat, zeigt mir, dass wir mit diesem Ziel nicht allein sind."

Preiswürdige Forschung

Auf der Hamburger Studententagung zur Medizin- und Biotechnologie hat Per Suppa am 4. Mai 2011 seine Diplomarbeit vorgestellt. Für die Präsentation mit dem Titel "Auswertung multimodaler PET / MRT-Daten zur Früherkennung von Morbus Alzheimer" bekam er nicht nur großen Applaus, sondern auch eine Auszeichnung. Das Preisgeld stiftete die Techniker Krankenkasse, ein Kooperationspartner der Hamburger Studententagung. Gastgeber der Veranstaltung war die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), Fakultät Life Sciences. Zur Hamburger Studententagung waren über 320 Menschen aus Akademie, Industrie und Politik nach Bergedorf gekommen.

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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