Côte d’Azur

Mediterranes Lebensgefühl

published: 14.09.2005

Von Suquet blickt man auf den Hafen von Cannes (Foto: Baie de Cannes von fr.zil lizensiert durch CC BY-SA 2.0) Von Suquet blickt man auf den Hafen von Cannes (Foto: Baie de Cannes von fr.zil lizensiert durch CC BY-SA 2.0)

Die Côte d’Azur... Wenn man an diesen Ort denkt, sind die Sorgen des Alltags schnell vergessen. Man hört das Geräusch des Meeres und kreischende Möwen, man spürt den glühenden Sand unter den Füßen, sieht die engen, schrägen Wege, die über die Hügel in den Himmel führen. Demjenigen jedoch, der das Glück hat, bei einer Familie an der französischen Riviera einige Wochen Gast zu sein, offenbart die „Blaue Küste“ ihre intimsten Facetten.

La Napoule Ende August: gestutzte Rosengärten mit ihrer Blütenpracht, reife Weintrauben, sonnige Strände, wo die Kinder ihre Sandburgen bauen. Die Männer spielen Ball, was hier Pétanque genannt wird, trinken Aniswasser bis zur Dämmerstunde und warten, dass ihre Frauen sie zum Abendessen rufen.

M. Fauret (l.) und sein Sohn Jean-Rémy M. Fauret (l.) und sein Sohn Jean-Rémy

La Napoule, ein kleines ruhiges Dorf, liegt sechs Kilometer von Cannes entfernt. Seit fünf Tagen wohne ich hier bei Robert Fauret und seiner Familie in dem Haus mit dem poetischen Namen „Villa des Vignes“, das die Faurets jeden Sommer an Freunde der französischen Riviera vermieten. M. Fauret hat graugelockte Haare, schokoladenbraune Haut und dunkle, nachdenkliche Augen. Seine Gestalt erinnert mich an einen Händler aus Marokko, den ich mal in der Fernsehreportage gesehen habe. "Die Araber, die hier wohnen, begrüßen mich immer mit 'Salam aleikum'", lacht mein Gastgeber.

Besonders stolz ist M. Fauret auf seinen Garten, wo er Orangen, Feigen und Weintrauben wachsen lässt. „Aus diesen roten Trauben könnte man jetzt schon Wein machen“, sagt er auf Französisch und drückt mir eine Traube mit prallen Beeren in die Hand. Ich nicke ihm zu und lächle. Er lächelt zurück - freudig wie ein Kind, da er zufrieden ist, dass ich seine Muttersprache verstehe.

Dass Franzosen sich nur in ihrer eigenen Sprache gerne unterhalten und das Gleiche von ihren Gästen erwarten, ist weltweit bekannt. M. Fauret ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Fließendes Englisch, Deutsch und Italienisch gehören zu seinem Repertoire. Sogar Russisch ist kein Problem für diesen sprachbegeisterten Menschen. Hier, von der ländlichen Stille seines Heimatortes umgeben, studiert er die Werke von Turgenew, Bunin und Puschkin, den er seinen Lieblingdichter nennt. Die Côte d’Azur ist nach den Sprachen seine zweite Leidenschaft. Ob nach Grasse, Mougins, Villefranche oder Monaco - unser Gastgeber begleitet uns überallhin und liebt es, von der „Blauen Küste“ zu erzählen.

Heute geht es nach Cannes. Im Gegensatz zu Nizza, der kreativen, dynamischen und kosmopolitischen Hauptstadt der Region, hat Cannes seinen provinziellen Charme noch nicht verloren. Ein Schleichpfad führt uns nach oben zum Hügel von Suquet, dem Herzen der Stadt. „Hier war damals ein Fischerdorf, aus dem sich nach und nach die Stadt entwickelte“, erzählt M. Fauret. Der Place de la Castre auf diesem Hügel ist der Punkt, von dem man das Meer am besten beobachten kann. Wir halten einige Minuten an, um die prachtvolle Aussicht zu genießen: Das Wasser in der Nähe der Küste glitzert in den Farbschattierungen von Türkisgrün bis Ultramarinblau. „Der in dieses Meer verliebte Mensch kann die Unendlichkeit begreifen“, glaubt M. Fauret. Ich blicke in die Ferne und es wird mir plötzlich klar, was er damit meint. Ich sehe die Schiffe und die See, die erst ganz blau wirkt und dann langsam heller und heller wird, bis sie schließlich weiß erscheint, weiß wie die Ewigkeit selbst.

Cannes ist eine der wenigen Städte an der französischen Riviera, die ihre ursprüngliche mittelalterliche Atmosphäre bewahrt hat. Die Statue von Notre-Dame de la Paix auf dem Hügel von Suquet kommt mir sehr besinnlich vor. Sie scheint über die Besucher zu wachen. Der Spaziergang geht weiter. Ich finde es beruhigend, mich in den Gassen mit den Namen aus der Vergangenheit zu verlieren: Rue de Moulin, Rue Coste Corail, Rue de la Bergerie, Rue des Suisses. Langsam schlendern wir zum Hafen hinunter und bald befinden wir uns auf der Croisette, einer Promenade, die wegen ihrer berühmten Spaziergänger eine Legende ist. Die Pracht der Paläste fällt auf: Weiße und gelbe Fassaden im Barockstil wechseln sich mit zahlreichen Cafés und Restaurants ab, die zu einer Verschnaufpause einladen. Von der Hitze ermattet, setzen wir uns an den Tisch eines Terrassencafés. Da die tradionelle Küche vor allem von Meeresspezialitäten geprägt ist, bestellen wir uns Langusten, die laut M. Fauret in Restaurants in der Nähe vom Hafen am besten schmecken.

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