WG-Spezial

"Offen und in Ruhe darüber sprechen"

published: 28.09.2005

Da gibt es doch bessere Wege, um Differenzen in der WG beizulegen... (Foto: shutterstock.com/Luis Louro) Da gibt es doch bessere Wege, um Differenzen in der WG beizulegen... (Foto: shutterstock.com/Luis Louro)

Die Wohngemeinschaft – ein Hort des Friedens und der Harmonie. Nie fällt ein lautes Wort, alle Bewohner tragen stets ein sanftes Lächeln auf den Lippen und das WG-eigene Motto lautet: "Rücksicht nehmen". Du erkennst deine WG in dieser Beschreibung wieder? Dann können wir nur gratulieren. Damit dürftest du zu einer seltenen Spezies gehören. Denn wo mehrere Menschen auf relativ kleinem Raum zusammenleben, lauern viele Konflikte.

Was tun, wenn es zum Streit kommt? Wir haben zehn mögliche Krisenherde der WG-Welt zusammengetragen und einen Experten um Lösungsvorschläge gebeten: Prof. Dr. Arnold Lohaus leitet die Abteilung Entwicklungs- psychologie der Universität Marburg. Er ist vorwiegend mit der Erforschung der kognitiven und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen befasst und widmet sich auch in vielen Publikationen der Bewältigung von Stress. In Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse hat Professor Lohaus Stressbewältigungs-Kurse für Kinder und für Jugendliche entwickelt.

1. Auszug – wie sag ich's meinem Mitbewohner?

Die Konstellation: Seit drei Jahren sind John und Benny eine super Zweier-WG. Jetzt möchte John aber lieber mit seiner neuen Freundin zusammenziehen. Wie sagt er es Benny?

Prof. Dr. Lohaus: "John sollte sein Anliegen direkt und offen vortragen und keine überflüssigen Erklärungen und Entschuldigungen suchen. Das wirkt unsicher und macht zusätzlichen Stress. Wichtig ist, dass er sich für das Gespräch Zeit nimmt - es sollte nicht 'zwischen Tür und Angel' stattfinden. Vorteilhaft ist es wahrscheinlich, wenn die beiden das Thema alleine besprechen. John sollte also nicht mit der Freundin gemeinsam von dem Vorhaben erzählen. Das Gespräch sollte von John nicht herausgezögert werden, damit Benny selbst frühzeitig seine Wohnsituation klären kann. Eventuell möchte er sich ja einen neuen Mitbewohner suchen."

2. Haushaltskasse – Bioladen oder Discounter?

Die Konstellation: In der WG "Billard-Könige” gibt es immer öfter Stress um das Lebensmittel-Budget. Bill kauft immer im Bio-Laden, während Schorsch das für Geldverschwendung hält und den Kühlschrank lieber mit Discounter-Ware auffüllt. Wie werden die beiden in Zukunft ohne Magenschmerzen satt?

Prof. Dr. Lohaus: "Hier muss vor allem eine angemessene Lösung gefunden werden. Die beiden sollten sich zusammensetzen und gemeinsam verschiedene Lösungen überlegen (zum Beispiel den Einkauf komplett trennen; jeder bekommt im Kühlschrank und im Regal sein eigenes Fach; einmal in der Woche wird gemeinsam gekocht). Kompromiss: Gemüse und Obst aus dem Bioladen, Dosen und Vorräte aus dem Discounter. Ausgewählte Lösung umsetzen und nach einem Monat bewerten, ob es klappt."

3. Zusammenleben – gleiche Typen oder unterschiedliche Charaktere?

Die Konstellation: Mirco will eine neue WG gründen – nach welcher Maxime sollte er seine Mitbewohner aussuchen: "Gleich und gleich gesellt sich gern” oder "Gegensätze ziehen sich an”?

Prof. Dr. Lohaus: "Unter alltagspraktischen Gesichtspunkten (spülen, putzen, Lautstärke usw.) ist es gut, mit Gleichgesinnten zusammenzuleben, das gibt weniger Stress. Aber natürlich tragen anderseits unterschiedliche Interessen, Studienfächer, Lebensgewohnheiten dazu bei, dass das WG-Leben interessant wird. Wichtig ist ein Grundkonsens über bestimmte Dinge ("Jeder bringt sich ein"). Ist der vorhanden, kann auch Vielfalt überzeugend sein."

4. Fernsehen für alle – wer bestimmt das Programm?

Die Konstellation: Jeden Abend heiß umkämpft: das Fernsehprogramm im Gemeinschafts-Wohnzimmer. Wie lässt sich eine für alle vertretbare Lösung finden?

Prof. Dr. Lohaus: "Vorschlag: Brainstorming zur Suche nach Regeln, nach denen das Programm ausgewählt wird. Die Regeln sollen dazu beitragen, dass es in Zukunft nicht mehr zum Streit kommt. Die Regeln müssen von allen akzeptiert werden und sollen niemanden benachteiligen. Wichtig ist vor allem, dass es eine Regel gibt, und nicht, wie sie im Einzelnen aussieht (Beispiele: die Mehrheit entscheidet, die früheste Anmeldung ist entscheidend, jeder hat eine Lieblingssendung, die höchste Priorität hat etc.). Nach einem Monat: Rückblick in einer WG-Runde, ob alle mit der neuen Lösung einverstanden sind. Wenn das nicht der Fall ist, muss nach einer neuen Lösung gesucht werden."

5. Gesellschaft – wie kriegt der Einzelgänger seine Ruhe?

Die Konstellation: Unterschiedliche WG-Bewohner haben ein unterschiedliches Verlangen nach Geselligkeit. Wie macht Einzelgänger Fred, der sich gerne in sein Zimmer zurückzieht, dem kontaktfreudigen Kevin am besten klar, dass er von dessen Besuchen genervt ist und lieber alleine wäre?

Prof. Dr. Lohaus: "Das Problem sollte offen, direkt und in Ruhe angesprochen werden. Das Bedürfnis klar formulieren und Regeln festlegen: Wenn Fred allein in seinem Zimmer und die Tür zu ist, möchte er nicht gestört werden. Eine andere Möglichkeit ist ein "Bitte nicht stören"- Schild an der Tür. Eventuell Angebote machen, wie und wann Geselligkeit stattfinden kann (Gemeinschaftsaktivitäten finden in Gemeinschaftsräumen, etwa in der Küche, statt)."

6. Zigarettendunst – wie können sich Raucher und Nichtraucher einigen?

Die Konstellation: WG "Billard-Könige” Teil 2: Es herrscht dicke Luft zwischen Rauchern und Nikotingegnern. Wie regelt man die Sache mit den Zigaretten?

Prof. Dr. Lohaus: "Der Stress zwischen Rauchern und Nicht-Rauchern eskaliert nicht, wenn beide "Parteien" kompromissbereit sind. Dann kann nach Lösungen für das Zusammenleben gesucht werden. Wenn jedoch keine Motivation besteht, sich zu einigen und ständig Streit herrscht, sollte man in diesem Fall besser auseinander ziehen. Es gibt Probleme, die lassen sich nicht lösen – und dazu zählt erfahrungsgemäß das Rauchproblem."

7. Haushaltspflichten – wie geht man mit notorischen Putzmuffeln um?

Die Konstellation: Martha und Jens haben die Nase voll davon, dass Timmy nie den Müll rausbringt und es auch sonst mit der Reinlichkeit nicht so genau nimmt. Wie bringen die beiden den Putzmuffel dazu, seinen Beitrag zu einer sauberen Wohnung zu leisten?

Prof. Dr. Lohaus: "In dieser Dreierkonstellation ist es wichtig, dass Martha und Jens keine Front gegen Timmy machen, sondern den Putzmuffel ins Boot holen und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Wichtig ist das Problem frühzeitig anzugehen. Zunächst im Gespräch gemeinsam klären, wie sauber es sein soll - vielleicht sind Martha und Jens ja auch sehr pingelig. Dann Lösungen suchen (z.B. Putzplan aufstellen mit Konsequenzen, wenn er nicht eingehalten wird). Hauptsache, jeder leistet seinen Beitrag."

8. Lärm – wie vertragen sich Musikliebhaber und Zwischenprüfling?

Die Konstellation: Fred hat sich neue Boxen für seine Anlage gekauft und genießt den satten Klang der Bässe gerne laut. Jens versucht währenddessen, für seine Zwischenprüfung zu lernen. Anstatt vernünftig miteinander zu reden, schreien sich die beiden nur noch an. Wie können ihre Mitbewohner hier einen Kompromiss vermitteln?

Prof. Dr. Lohaus: "Jens befindet sich in einer extremen Belastungssituation, da er gerade für die Zwischenprüfung lernt. Fred scheint gerade andere Sorgen zu haben und das Leben zu genießen. Grundsätzlich wäre es für eine WG sehr wünschenswert, wenn auf Mitbewohner im Prüfungsstress Rücksicht genommen wird. Eine solche Haltung kann aber nicht unbedingt vorausgesetzt werden. Es könnte ein Kompromiss ausgehandelt werden, der auch für die Zukunft gilt. Denn vielleicht will Jens ja ebenfalls seine Musik aufdrehen, wenn er seine Zwischenprüfung abgeschlossen hat, und dann geht es gerade für Fred mit dem Lernen los... Beispiel für einen Kompromiss: Jens lernt einen Teil des Tages in der Bibliothek, dann kann zuhause Krach gemacht werden, einen Teil des Tages herrscht dafür Ruhe (das tut den anderen WG-Bewohnern sicherlich auch gut)."

9. Dreier-WG – mit einem Pärchen zusammenziehen?

Die Konstellation: Mirco hat von den frisch verliebten Gitte und Jan das Angebot bekommen, gemeinsam eine WG zu gründen. Mit beiden versteht er sich großartig. Trotzdem fragt er sich: "Mit einem Pärchen zusammenzuziehen - kann das gutgehen?”

Prof. Dr. Lohaus: "Es ist schwierig, die Frage mit "ja” oder "nein” zu beantworten, da es viele Beispiele gibt, die zeigen, dass man hervorragend mit einem Pärchen zusammenleben kann, und andere, die das Gegenteil belegen. Und: Ganz allgemein muss man sich vor jeder WG-Gründung überlegen, ob man mit den Personen zusammenleben kann, egal ob es sich um ein Pärchen handelt oder nicht. Problematisch an dieser speziellen Situation ist, dass Gitte und Jan "frisch verliebt” sind. Es ist nicht klar, wie sich die beiden verhalten, wenn es zum ersten Streit kommt oder die erste Verliebtheit verflogen ist. Mirco könnte sich verschiedene Fragen stellen, bevor er sich entscheidet: zum Beispiel ob er sich schnell wie das fünfte Rad am Wagen fühlt oder ob er die beiden für WG-tauglich oder nur auf sich fixiert hält."

10. Mitbewohner wieder Willen – die WG als reine Notlösung?

Die Konstellation: Sylvia beginnt in einigen Monaten ihr Studium in München. Sie kann sich keine eigene Wohnung leisten, hat aber überhaupt keine Lust auf eine WG. Mit anderen Leuten die vier Wände zu teilen, kann sie sich einfach nicht vorstellen. Kann jeder Mensch lernen, in der Gemeinschaft zu leben, oder gibt es Leute, die untherapierbar WG-ungeeignet sind?

Prof. Dr. Lohaus: "Es gibt sicherlich Leute, die weniger für ein Zusammenleben geeignet sind, da sie wenig kompromissbereit sind, schnell von anderen genervt sind, gern allein sind oder ungern teilen. Auch wenn solche Personen nicht untherapierbar WG-ungeeignet sind, ist für sie das Zusammenleben mit anderen wahrscheinlich stressiger. Und: Auch für die WG-Bewohner ist ein Mitbewohner, der ungern in Gemeinschaft lebt, schwer zu ertragen. Sylvia sollte zunächst überlegen, ob sie wirklich so wenig WG-geeignet ist. Wenn Sylvia wirklich überhaupt keine Lust auf eine WG hat, sollte sie alle Möglichkeiten ausschöpfen, alleine ein Zimmer zu finden. Ein Kompromiss wäre ansonsten sicherlich eine Zweck-WG, in der eben nur jeder ein Zimmer hat, weiter aber keine WG-Aktivitäten geplant werden."

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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