Dr. Joachim Bublath im Interview

„Sehr einfach und sehr aufregend“

published: 18.11.2005

Joachim Bublath, die Allzweckwaffe des ZDF für alles Naturwissenschaftliche (Foto: Public Address) Joachim Bublath, die Allzweckwaffe des ZDF für alles Naturwissenschaftliche (Foto: Public Address)

Für Millionen von Schülerinnen und Schülern bilden sie ein Dreigestirn, das irdische Höllenqualen in den Schulalltag bringt: Physik, Chemie, Mathematik. Dr. Joachim Bublath liebt dieses Dreigestirn und er möchte, dass mehr junge Menschen empfinden wie er. Unter anderem deshalb macht Bublath seit vielen Jahren Fernsehen, das die Faszination der Naturwissenschaften auf den Zuschauer übertragen soll. Im Interview mit Unikosmos erklärt der promovierte Physiker, was in Deutschland getan werden müsste, damit sich mehr Studierende in technikorientierten Fächern tummeln, warum ein Physikstudium ein echter Karriere-Allrounder ist – und was Angela Merkel mit all dem zu tun hat.

Was ist eigentlich das Faszinierende am Universum?
Dr. Bublath: „Das Universum gibt uns ganz neue Einsichten in Raum und Zeit. Nur im Universum wird deutlich, wie und warum die Relativitätstheorie funktioniert. Das Universum gewährt uns auch einen Rückblick in die Entstehungsgeschichte unserer Erde und des ganzen Weltalls. Dort entstehen Sterne, sterben Sterne, neue Systeme bilden sich. Also, da geht es heftiger zu, als der ruhige Nachthimmel es vermuten lässt.“

Über den Umweg Weltraum lernen wir also, unsere Erde besser zu verstehen.
„So ist es. Das ist natürlich ein riskantes Unternehmen: Wir übertragen die physikalischen Gesetze, die wir auf der Erde gefunden haben, ins Weltall. Bis jetzt hat das ganz gut funktioniert. Aber es muss ja nicht so sein, dass in jeder Ecke des Universums die Physik so abläuft wie bei uns.“

Was wollen Sie mit Ihrer Sendung beim Zuschauer erreichen? Wollen Sie eher Bildungsfernsehen machen oder setzen Sie mehr auf Unterhaltung?
„Vor 15 Jahren wäre Bildungsfernsehen noch akzeptiert worden, heute ist das eher auf Entertainment ausgerichtet. Ich versuche eine Gratwanderung. Der 19:30-Uhr-Termin ist ein Appetizer. Das heißt: Ich möchte einen breiten Zuschauerkreis dazu bringen zu sehen, wie spannend und unterhaltend Naturwissenschaften sein können. Natürlich ist da der Hintergedanke, dass man auf sehr zurückhaltendem Niveau versucht ein paar Botschaften weiterzugeben. Wenn Sie das Bildungsfernsehen nennen wollen, können Sie’s.“

Ein relativ bescheidener Anspruch an den Zuschauer.
„Sehen Sie: Wir sind im Einstein-Jahr und keiner weiß so recht, was Einstein eigentlich gemacht hat. Man weiß jetzt alles über sein Liebesleben und seine politischen Aktivitäten. Aber keiner weiß, was das Weltbewegende für die Physiker war. Das versuche ich mit verblüffenden Experimenten innerhalb dieser Sendungen weiterzugeben. Dazu brauche ich heute Computeranimationen und dramaturgische Spannungslinien, als ich sie vor 15 Jahren gebraucht hätte.“

Einige Kritiker werfen Ihnen vor, zu populärwissenschaftlich an die Themen heranzugehen. Können Sie diese Kritik verstehen?
„Wenn ich ein breites Publikum im Fernsehen haben will, muss ich auch die Sendung breit anlegen. Der Zuschauer wählt aus. Was er sich nicht weiter ansehen will, das knipst er weg. Ich will viele Menschen an naturwissenschaftliche Themen heranführen. Und da ist mir jedes Mittel recht, von der Computeranimation bis zur dramaturgischen Linie. Wir bekommen übrigens viele Rückmeldungen von Leuten, die sagen, aufgrund solcher Sendungen – nicht unbedingt meiner allein – bin ich zum Physik- oder Chemiestudium gekommen.“

Mal abseits vom Fernsehen: Wie kann man junge Menschen heute noch für naturwissenschaftliche Fächer interessieren?

„Es liegt an vielen Dingen. Schauen Sie sich den Unterrichtsplan an. Fächer wie Physik oder Chemie werden gestrichen oder in solche Allgemeinplatzfächer umgewandelt wie Naturkunde. Das ist eine ganz schlechte Entwicklung. Eine schlechte Entwicklung ist auch, dass immer weniger Experimente in den Lehrplänen stehen. Die Lehrer können oder wollen das gar nicht mehr. Ich habe ja mal Knoff-Hoff gemacht...“

...eine Sendung, in der wissenschaftliche Zusammenhänge sehr plastisch mithilfe von Experimenten erklärt wurden...
„...da wurden Bänder von uns angefordert, damit die im Schulunterricht gezeigt werden konnten. Offenbar war entweder das Material nicht vorhanden oder das Know-how der Lehrer.“

Wobei diese Entwicklung in der Öffentlichkeit anscheinend kaum wahrgenommen wird.
„Man muss das Bewusstsein in der Gesellschaft ändern. Wir müssen klar machen, dass unser Überleben hier davon abhängig ist, wie gut die Innovationen in Naturwissenschaft und Technik sind. Angesichts der hoch besiedelten Bevölkerungszentren, die wir in den Städten haben, können wir nicht dahin zurückgehen, dass jeder seinen Acker bestellt und mit dem Pflug seine Kartoffeln anpflanzt. So viel Land gibt es gar nicht mehr. Wir sind dazu verdammt, in einer hoch technisierten und hoch organisierten Gesellschaft zu leben. Und das muss kompatibel mit der Natur geschehen. Deshalb muss Bewusstsein für Naturwissenschaften geschaffen werden, und das fängt mit der Ausbildung an. Und um die steht es in Deutschland nicht allzu gut.“

Wie war das bei Ihnen? Wie sind Sie dazu gekommen, Physik, Chemie und Mathematik zu studieren?
„Als ich Abitur gemacht habe, mussten wir alle Fächer belegen. Ich hatte einen tollen Physiklehrer. Der hat aus dem Stegreif großartige Assoziationen gefunden zu dem, was um uns herum geschah. Der konnte einen Bogen ziehen von einfachen Becherglas-Experimenten bis zum Universum. Das hat mich fasziniert. Ich wollte schon damals wissen: Wie funktioniert die Welt? Und was wissen die Menschen über die Funktion der Welt? Dass dieses Wissen limitiert ist, ahnte ich damals schon und diese Ahnung hat sich über die Jahre erhärtet.“

Was würden Sie jungen Leuten empfehlen, die mit dem Gedanken spielen, ein Physik-Studium anzufangen, sich aber nicht ganz sicher sind, ob es das Richtige für sie ist?
„Ich würde ihnen auf jeden Fall raten, das zu machen! Viele Studenten entscheiden sich für BWL oder VWL - wahrscheinlich mit der Idee, nach drei Jahren im schwarzen Anzug viel Geld zu verdienen. Das ist ein kurzsichtiges Ziel, finde ich. In den Naturwissenschaften gibt es dagegen immer weniger Studenten. Dabei kann so ein Studium sehr zufrieden stellend sein, weil man erfährt, wie die Welt funktioniert.“

Und wenn wir von Karriereaussichten sprechen...
„... ist klar, dass die Berufschancen für Naturwissenschaftler gut sind. Selbst wenn man unter Umständen in die Informatik wechseln muss, wenn man als Physiker gerade keine Stellung bekommt.“

Junge Leute wollen möglichst schnell möglichst viel Kohle machen und möglichst wenig dafür tun – ist das nicht ein medial gestreutes Vorurteil?
„Nein, das ist auch meine persönliche Erfahrung. Wir suchen ja immer Jungredakteure und kriegen viele Bewerbungen. Da sehe ich, dass sich die Haltung ein bisschen geändert hat. Gleiches bestätigen mir Freunde, die in ganz anderen Sparten tätig sind. Es gibt heute einen Hang zu „Easy-going“-Berufen, mit der Vorstellung 'Mach' ich mal VWL oder BWL oder Jura, dann werde ich schon die Puppen tanzen lassen können.'“

Früher war alles besser?
„Es geht nicht nur um diese Altersweisheit 'Früher war alles besser'. Uns geht’s ja sehr gut. Es klagen zwar alle, aber auf hohem Niveau. Es ist nachvollziehbar, dass dann die Ansprüche in eine ganz andere Richtung gehen. Natürlich sind solche Pauschalisierungen immer etwas schwierig. Aber ich denke schon, dass heute der Trend besteht, auf eine leichte, wie vom Fernsehen vorgegebene Art Geld zu verdienen, um ein Leben im Markenwunderland zu führen. Nur ist das eine sehr kurzfristige Sichtweise. Es kann doch keine Lebensphilosophie sein, ein dickes Auto zu fahren. Was kommt danach?“

Unter Karrieregesichtspunkten müsste man ja eigentlich sagen, die Entscheidung für BWL ist der falsche Weg, denn Ingenieure werden händeringend gesucht. Der Ratschlag müsste demnach lauten: Wer ins dicke Auto steigen will, der muss Physik studieren.

„Naturwissenschaftler werden sicherlich gesucht. Vielleicht nicht genau in dem Feld, das man studiert hat - wenn ich Kernphysik gemacht habe, werde ich nicht unbedingt auf diesem Gebiet eine Anstellung kriegen - aber es ist ja eine breite Ausbildung, die als Handwerkszeug für viele Dinge nützlich sein kann.“

Woran liegt's also, dass nicht mehr Studierende in eine technisch-naturwissenschaftliche Richtung gehen?
„Ich fürchte, dass viele junge Menschen sich von Mathematik und der damit verbundenen Arbeit abschrecken lassen. Gerade am Anfang muss man sich sehr intensiv damit beschäftigt. Die Frage ist, inwieweit die jungen Menschen überhaupt bereit sind, diese Mühsal von ein, zwei Jahren hartem Studium auf sich zu nehmen. Es gibt sicherlich immer Leute, die das wollen und auch machen. Das finde ich gut. Naturwissenschaft ist ein köstliches Mahl, aber davor ist der Griesbrei, also das Handwerkszeug. Wer die Naturwissenschaft verstehen will, der muss erst durch den Griesbrei durch. Danach ist Naturwissenschaft sehr einfach und sehr aufregend. Außerdem ist Naturwissenschaft eine Basis, die für das ganze übrige Leben wichtig ist. Sie wissen ja, dass Frau Merkel Physikerin ist. Ob das nun erstrebenswert ist, was sie jetzt macht, sei dahingestellt.“

Glauben Sie denn, dass der Beruf der Physikerin einer künftigen Kanzlerin Merkel das Regieren erleichtern würde?
„Na ja, Naturwissenschaftler meiden ja eher die Politik, weil es da nicht nur um Tatsachenentscheidungen geht. Da spielen viele andere, zum Teil intrigenhafte Abhängigkeiten eine Rolle. Bestimmt hat es ihr geholfen, dass sie strategisches Denken gelernt hat. Wie sie jetzt mit den übrigen Niederungen der Politik umgeht, muss sie selbst herausfinden. Ansonsten denke ich, dass Frau Merkel inzwischen weit weg ist von der Physik, da ist höchstens noch eine dunkle Erinnerung.“

Sie sind seit 24 Jahren Leiter der ZDF-Redaktion Naturwissenschaft und Technik...
„... 'Wann hören Sie endlich auf?', wollen Sie fragen...“

... Das liegt mir fern. Aber im Zeitalter des Jobhoppings ist diese Zahl ja geradezu unvorstellbar. Hat es Sie nie gereizt, mal den Posten zu wechseln?
„Was sollte ich machen? Das Spannende an meinem Job ist, dass ich genau die Themen bearbeiten kann, die mich interessieren. Ich kann mich intensiv mit Dingen beschäftigen, für die ich sonst gar kein Ziel hätte, gar keine Möglichkeit, etwas damit anzustellen. Den Posten zu wechseln hieße automatisch, in die Verwaltungsebene zu gehen. Was würde das bedeuten? Ich müsste über Projekte entscheiden, die ich selbst gern verwirklichen würde. So etwas hat mich nie gereizt.“

Sie kommen gerade von einer Auslandsreise für ein neues Projekt. Worum geht es?
„Für die Sendung „Faszination Erde“ war ich in Venezuela und bin mit einem Führer zum größten Asphaltsee gefahren.“

Asphaltsee?
„Das müssen Sie sich so vorstellen: In Venezuela ist die Erdöl führende Schicht tektonisch sehr weit nach oben gedrückt worden. Da gibt es jetzt riesige Seen, aus denen Erdöl ausfließt und zu Asphalt oxidiert. Da sehen Sie mitten im Urwald einen riesigen schwarzen See. Da hinzukommen, wo noch kein Team war, ist aufregend für mich. Ich hoffe, auch für den Zuschauer.“

Sie sind also immer auf der Suche nach Neuland.
„Das ist ja das Leben. Die Evolution bleibt nicht stehen, auch nicht im eigenen kleinen Kreis. Alles ist immer Veränderung.“

[Jens Findeisen]

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