Hausarbeiten aus dem Internet

"Copy & Paste" statt Büffeln und Pauken

published: 23.11.2006

Viele Studierenden scheinen das Internet für eine Art Gostwriter für ihre Studien- und Hausarbeiten zu halten (Foto: shutterstock.com/Imillian) Viele Studierenden scheinen das Internet für eine Art Gostwriter für ihre Studien- und Hausarbeiten zu halten (Foto: shutterstock.com/Imillian)

"Meine Frau hat wohl nachts an meinem Computer gesessen und ohne mein Wissen ganze Sätze aus einem Buch abgetippt", so zitierte Debora Weber-Wulff einen ihrer Studenten gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel. Als die Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin die Hausarbeiten ihrer Erstsemester korrigierte, war die Amerikerin über die teilweise gestochen scharfen Formulierungen ihrer Uni-Frischlinge gestolpert. Weber-Wulff wurde misstrauisch. Ihr Verdacht erhärtete sich bereits nach wenigen Recherche-Klicks im Internet: Plagiat – hier wurde abgeschrieben.

Ein nicht unerheblicher Teil ihrer Studenten habe sich den Text der geforderten Hausarbeit einfach aus dem Internet zusammengeklaut, erzählte Weber-Wulff dem Spiegel. Als die Professorin Konsequenzen ankündigte und die Übeltäter zur Rede stellte, wich ihre Verblüffung echtem Entsetzen. Denn neben amüsanten Ausreden („Das ist einfach so gut formuliert, ich könnte es nicht besser schreiben") schienen die Erwischten nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben. Schließlich sei es bereits in der Schule völlig normal gewesen, seine Referate komplett und bequem aus dem Internet zu beziehen, so die wenig schuldbewussten Ertappten.

Glaubt man aktuellen Statistiken, handelt es sich nicht um Einzelfälle. Der Soziologe Sebastian Sattler hat für seine Abschlussarbeit Kommilitonen befragt, ob sie für ihre Hausarbeiten unerlaubt fremde Texte verwenden würden. Das Ergebnis: Über 90 Prozent der Befragten handelten so. Für Sattler liegen die Gründe für das Abschreiben schon in den Schulen. Dort werde zu wenig wissenschaftliches Arbeiten erlernt. Stattdessen übten zukünftige Studenten schon an den Lehranstalten fleißig die Verwendung der "Copy & Paste"-Funktion an ihrem Computer. Die Hälfte der Befragten gab dann auch an, schon in der Schule Texte aus dem Netz geklaut zu haben - vom Internet hätten die meisten Lehrer eh keine Ahnung.

Das Problem lässt sich für Universitäten und Dozenten nicht mehr ignorieren. Was können und wollen die Universitäten unternehmen, um dem Diebstahl und Betrug Einhalt zu gebieten?

Plagiats-Enttarnung mittels Software
Debora Weber-Wulff ist vermutlich eine der ersten, die sich der Sache angenommen hat. Nachdem sie einigen ihrer Studenten auf die Schliche gekommen war, ließ sie das Thema nicht mehr los. Schnell machte sich die Professorin im Internet schlau. Aufgrund ihrer Erfahrungen hat Weber-Wulff inzwischen einen Leitfaden für Schul- und Unipersonal verfasst, der auch Web-Anfänger schnell zu Plagiats-Detektiven machen soll. Dort empfiehlt die Hochschullehrerin etwa, per Suchmaschine nach auffälligen Substantiven aus der verdächtigen Hausarbeit zu suchen oder nach speziellen Eigennamen. Nicht selten hätten die Schummler auch Schreibfehler im Fachvokabular übernommen, die sie letztendlich verraten hätten. Außerdem listet sie die beliebtesten Portale auf, in denen die Schummler sich umsehen.

Einen Schritt weiter gehen neue Computerprogramme, die das Internet gleich gezielt nach Fälscherquellen untersuchen. Die Software geht systematisch vor und sucht im World Wide Web nach identischen Passagen. Laut den Entwicklern könnten bereits bis zu 80 Prozent der Originaltexte aufgespürt werden. Ob die Software zum Einsatz kommt, liegt in den Händen der Dozenten und deren Affinität zu neuen Produkten. Die Freie Universität Berlin will sich jedenfalls nicht über die Verwendung solcher Programme äußern.


Welche Strafen drohen?
Wie wollen die Universitäten mit entlarvten Dieben umgehen? So richtig einig sind sich die Universitätsleitungen offenbar nicht - die Expertenmeinungen gehen weit auseinander. Von geforderten Zwangs-Exmatrikulationen beim ersten Täuschungsversuch bis zu leichten Strafen wie einer Zusatzklausur ist alles dabei. Über das generelle Problem des Abschreibens machen sich aber immer mehr Universitäten Gedanken. Der Deutsche Hochschulverband spricht inzwischen gegenüber einem Onlineportal von einem großen Problem mit wachsendem Ausmaß. Und die Interessenvertretung der Professoren hält den Betrugsversuch für kein Kavaliersdelikt, der mit Spickzetteln in der Schule zu vergleichen wäre. Deshalb sollten Dozenten mit aller Härte gegen Betrüger vorgehen, was nur eine Zwangs-Exmatrikulation bedeuten kann.

Diese Strafe wird in der Praxis bisher wohl noch nicht angewandt. Allerdings haben die Politologen der Uni Mainz inzwischen ihre Studienordnung dahingehend geändert, dass jeder Hausarbeit eine schriftliche Erklärung beigefügt werden muss, in der der Student seine Eigenleistung bestätigt. In schwerwiegenden Fällen könnte es zum Ausschluss aus dem Fachbereich kommen. Die Studierenden müssten dann das Studienfach wechseln.

Auch an den Universitäten von Nordrhein-Westfalen will man in Zukunft härter durchgreifen. Zu einem Ausschluss von der Universität, wie vom Deutschen Hochschulverband gefordert, kann es aber laut dem Wuppertaler Rektor Volker Ronge nicht kommen. Eine Exmatrikulation sei in Deutschland praktisch unmöglich, da sie gegen den Artikel 12 des Grundgesetzes verstoße, der die Berufsfreiheit garantiere, zitiert eine Internetseite den Rektor.

Die Freie Universität Berlin will ihre Studenten bei Plagiats-Betrug wohl auch nicht exmatrikulieren. Auf unsere Anfrage, wie denn offiziell mit erwischten Abschreibern verfahren werde, wurde auf die „Satzung für Allgemeine Prüfungsangelegenheiten" verwiesen. Die sieht vor, einen Täuschungsversuch mit „`nicht ausreichend` (5,0) bzw.
`nicht bestanden`(5,0) zu bewerten.“ Die Prüfung oder das Seminar darf dann noch einmal wiederholt werden.

Abkupfern: nur ein studentisches Problem?
Immerhin: Studierende können sich trösten. Denn offenbar sind Universitätsschüler nicht die einzigen, die in der bisweilen schillernden Welt der Wissenschaft abschreiben. Auch die akademische Lehrerschaft kennt sich bestens mit der "Copy & Paste"-Funktion ihres Computers aus. Denn als Debora Weber-Wulff erst einmal mit ihrer Detektivarbeit anfing, wurde sie auch bei den graduierten Kollegen fündig: Auch von diesen haben es einige mit der Herkunft ihrer Daten oder Texte nicht so genau genommen. Der Spiegel berichtete sogar über den Fall eines Diplomanden, der die Ergebnisse seiner Arbeit im Text seines Diplom-Betreuers wiederfand – leider nicht mit seinem Namen dahinter!

[Jörg Römer]

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