Die Kultur der Maya

Versunkene Städte im Regenwald

published: 23.12.2004

Tempel in Tikal im heutigen Guatemala (Foto: Maya Stadt Tikal (Guatemala) von TausP. lizensiert durch CC BY-ND 2.0) Tempel in Tikal im heutigen Guatemala (Foto: Maya Stadt Tikal (Guatemala) von TausP. lizensiert durch CC BY-ND 2.0)

In keiner anderen alten Kultur werden so schnell so viele Rätsel entschlüsselt. Fast täglich können die Archäologen und Schriftforscher neue Erfolge auf dem Gebiet der Mayaforschung melden. So wie der Bonner Professor und Maya-Schriftforscher Nikolai Grube. In einer Dokumentation, die vom NDR ausgestrahlt wurde, begleitete ihn ein Kamerateam durch die dichten Regenwälder Guatemalas. Unverhofft entdeckte der Epigraph dort eine bisher völlig unbekannte Stadt, die er - nach dem Studium einiger dort gefundener Hieroglyphentexte - "Die Stadt der Fledermaus" taufte. Für die Forschung fügt sich mit dieser Entdeckung ein weiteres kleines Mosaik-Steinchen ins Gesamtbild der Mayakultur. Denn einst bauten die Ureinwohner Mittelamerikas, die auf dem Gebiet des heutigen Mexikos, Guatemalas, Belize und Honduras lebten, riesige Städte mit bis zu 150.000 Einwohnern. Gegen Ende des ersten Jahrtausends nach Christi verließen die Maya ihre Zeremonial-Zentren plötzlich und passten sich wieder einem einfachen Leben im Regenwald an. Die Ursachen für den Kollaps dieser Hochkultur zählen bis heute zu den größten Geheimnissen der Mayaforschung.

Stephans und Catherwood
Die Mayaforschung ist aus wissenschaftlicher Sicht noch eine junge Disziplin. Gerade 160 Jahre ist es her, dass der amerikanische Anwalt John Lloyd Stephans und der britische Künstler und Architekt Frederic Catherwood mit ihren Endeckungen den Beginn der amerikanischen Archäologie einläuteten. Was die beiden auf ihrer Reise 1893-1843 durch Yukatan und den Regenwald im südlichen Teil der mexikanische Halbinsel entdeckten, ist auch aus heutiger Sicht noch von Bedeutung für die Forschung: Zerfallene und vom dichten Dschungel völlig vereinnahmte Ruinenstädte, die die Forschungsreisenden so faszinierten, dass Frederic Catherwood die bewucherten Bauwerke in exakten Zeichnungen dokumentierte. Auch die für die Schriftforschung so wichtigen Stelen, mit Hieroglyphen behauene aufgestellt Steine, wurden von dem Künstler gezeichnet. So konnten bei der Entzifferung sogar bereits verwitterte Glyphen anhand seiner Arbeiten rekonstruiert werden.

Ähnliche Pionierarbeit leistete der Österreicher Theobert Maler. Der Fotograf durchreiste das Siedlungsgebiet der Maya gegen Ende des 19. Jahrhunderts und lieferte die ersten Fotografien der zerfallenen Tempel in den Ruinenstädten.

Licht im Dunkeln
Mit Beginn der ersten archäologischen Untersuchungen Anfang des Jahrhunderts kam erstmals Licht ins Dunkel der Geheimnisse. Langsam entwickelte sich eine Ahnung von den Weltanschauungen und komplizierten religiösen Überzeugungen der Maya. Auch kulturgeschichtliche Aussagen konnten jetzt getroffen werden. So waren sich die Forscher sicher, dass die Kultur der Maya zwischen 250 und 900 n. Chr., der so genannten klassischen Periode, ihre höchste Ausdehnung erreichte. Politisch bestand das Reich der Maya nicht aus einem einzigen Königreich, sondern gliederte sich in viele kleine autarke Stadtstaaten, die untereinander Allianzen eingingen oder sich gegenseitig bekriegten. Heute zählen die Ruinenstädte von Palenque, Chichén Itzá, Tikal und Copan zu den berühmtesten archäologischen Städten in Amerika und sind große Touristenmagneten. Besonders beliebt sind bei den Besuchern die Ruinen von Tulúm wegen ihrer paradiesischen Lage direkt am Karibischen Meer.

Priester und Könige
An der Spitze jedes einzelnen Minireichs stand ein gottgleicher Priester und König. Unter seiner Leitung wurden große Zeremonien durchgeführt. Nur er war in der Vorstellungswelt der Maya in der Lage, den Göttern die Wünsche des Volks entgegenzubringen. Er bat um eine gute Maisernte oder um genügend Regen. Oft wurden bei solchen Zeremonien auch Tiere oder sogar Menschen geopfert. Allerdings waren die Maya nicht blutrünstig genug, um an die hohe Zahl von Menschenopfern heranzureichen, wie es sie in der späteren aztekischen Kultur gegeben hat.

Stelen mit ihren Abbildungen und Hieroglypgentexten verraten viel über die Mayakultur (Foto: Jörg Römer)Stelen mit ihren Abbildungen und Hieroglypgentexten verraten viel über die Mayakultur (Foto: Jörg Römer)

Die Zeit ist heilig
Einen besonderen Schlüssel zum Verständnis ihrer Kultur stellen der Kalender und die Schrift der Maya dar. Für sie war die Zeit etwas Heiliges. Ein göttlicher Prozess, dem in Form von Ritualen gehuldigt wurde. Entsprechend wichtig war das komplexe Kalendersystem der Ureinwohner Mittelamerikas, das auf einem Zwanzigersystem (Vigesimalsystem) aufbaute. Während sich die westliche Zeitrechnung in Jahrzehnte gliedert, rechneten die Mayas mit einem Zyklus von 20 Jahren, Katun genannt, und einem Baktun, der einen Zeitraum von 400 Jahren (20 mal 20 Jahre) beschreibt. Dennoch war ihnen auch das 365-tägige Sonnenjahr bekannt. Dies unterteilten sie in 18 Monate zu je 20 Tagen - mit einem fünftägigen Ruhemonat am Ende des Zyklus.

Zu besonderen Anlässen im Kalender, etwa mit dem Ende eines Katuns, ließen die Priesterkönige mit Hieroglyphen-Texten versehene Steine, so genannte Stelen, errichten. Durch ihre Entzifferung gelang ein entscheidender Schritt zum Verständnis der Maya-Kultur.

Das Ende einer Hochkultur
Das größte Geheimnis der Maya aber ist das um ihren plötzlichen Untergang. Selten ist eine Hochkultur so plötzlich von der Bildfläche der Geschichte verschwunden. Über die Gründe konnte lange nur spekuliert werden, da die Entstehung von Inschriften auf Tempeln und Stelen abrupt endete. Die Vermutungen reichten von kriegerischen Auseinandersetzungen über Volksaufstände bis zu Naturkatastrophen als Ursachen. Heute gehen die meisten Forscher von einer lang anhaltenden Dürrephase aus. Da für die Errichtung von Tempeln und Gebäuden große Mengen Holz gerodet wurden, scheint der Maisanbau der Maya gnadenlos Hitze und Bodenerosion ausgesetzt gewesen zu sein. Mit dem fehlenden Regen - die einzige Süßwasserquelle in Yukatan - waren Missernten und Hungersnöte die Folgen. Allerdings ist das Volk der Maya nicht ausgestorben, sondern hat sich lediglich seinen Umweltbedingungen besser angepasst. Und das ging in kleinen Dörfern mit angeschlossenem Wanderfeldbau deutlich besser als in pompösen Städten.

Noch ist einiges an Pionierarbeit zu leisten, um diese Thesen zu stützen. Die Mayaforschung ist heute auf einem Stand, auf dem die Ägyptologie vor etwa 100 Jahren war. Und bis das Geschichtsbuch der alten Maya endgültig geschlossen werden kann, wird noch viel Tinte nötig sein.

[Jörg Römer]

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung