Nachgedacht: Bologna-Prozess

Credit Points statt Lebenserfahrung

published: 03.04.2015

An den Unis in Deutschland herrscht trotz erheblicher Bildungsverbesserungen Unzufriedenheit. Mittlerweile studieren knapp 140.000 Studenten im Ausland (Foto: Public Address) An den Unis in Deutschland herrscht trotz erheblicher Bildungsverbesserungen Unzufriedenheit. Mittlerweile studieren knapp 140.000 Studenten im Ausland (Foto: Public Address)

Bei den einen sorgt er für ein breites Grinsen, bei den anderen für Kopfschütteln – der Bologna-Prozess. 16 Jahren ist es her, dass die Bildungsreform von 388 Bildungsministern aus 30 europäischen Ländern beschlossen wurde. Die Ziele: Mehr Transparenz, mehr Mobilität und weniger Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Bildungsabschlüssen. So weit, so gut. Heute sind aus 30 Mitgliedsstaaten 47 geworden und das Bundeskabinett hat seinen Zwischenbericht veröffentlicht. Zeit, mal genauer hinzuschauen – was hat sich seit Beginn der Bildungsreform tatsächlich verändert?


Bundeskabinett auf Wolke sieben

Ganz klar: Bologna hat für Veränderung gesorgt. Bis heute wurden 87,4 Prozent aller Studiengänge auf das Bachelor-Master-System umgestellt. Ein Herzenswunsch der 388 Bildungsminister ist also so gut wie erfüllt – check. Damit hat sich die Gesamtstudiendauer verringert. Während man sich 1998 für einen Diplomabschluss durchschnittlich noch 13,4 Semester in die Uni schleppte, waren es 2012 für einen Masterabschluss nur 10,8 Semester. Auch interessant: Der Otto-Normal-Student braucht sieben Semester für seinen Bachelor-Abschluss. In 77 Prozent der Fälle entscheidet er sich anschließend noch für einen Master. Aber was ist denn nun mit dieser Mobilität, die in der Bologna-Erklärung so oft erwähnt wird?


 
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Yeah! Tatsächlich studieren immer mehr Deutsche im Ausland: Wagten es 1998 nur 46.300 Studierende, sich fernab von Weißwurst und Bier zu immatrikulieren, waren es 2012 bereits 138.500. Deutsche Studenten sind damit im internationalen Vergleich am mobilsten. Typisch Weltmeister eben. 69 Prozent der Auslandssemestler konnten jubeln – ihre Leistungen wurden anerkannt. Apropos jubeln: Auch immer mehr ausländische Gaststudenten zieht es nach Deutschland. Ihre Zahl ist auf 300.000 und somit 11,5 Prozent aller Immatrikulationen gestiegen. Nur die USA und Großbritannien scheinen noch attraktiver. Also: Statistik gut, alles gut. Oder?


Nur die halbe Wahrheit

Konfetti und Partyhütchen müssen wir leider wieder beiseitelegen. Denn es werden auch kritische Stimmen zum Bologna-Bericht laut. Wie die von Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), der die deutsche Mobilität zwar lobt, aber anprangert, dass sie sehr stark herkunftsabhängig sei. "Daher bedarf es zusätzlicher Anreize bei Stipendien oder Bafög", findet er. Auch der studentische Dachverband fsz hat die rosarote Brille abgenommen. Seiner Meinung nach werden im Bericht "Forschungsergebnisse isoliert dargestellt und fragwürdige Zusammenhänge hergestellt". Tatsächlich fragt man sich beim Lesen des 45-seitigen Dokuments, ob da teilweise die Endorphine mit dem Bundeskabinett durchgegangen sind.


Während sich dieses im Bericht nämlich selbst in den Himmel lobt, verliert es eindeutig den Boden der Tatsachen unter den Füßen. Denn unbequeme Wahrheiten finden kaum Erwähnung: der Anstieg der Studienabbrecher-Quote auf 33 Prozent, die Unterfinanzierung der Hochschulen und die mangelnde "Arbeitsmarktfähigkeit" der Bachelorabschlüsse. Leistungsdruck? Arbeitslosigkeit? Offenbar Fremdworte. Infos zum gravierenden Gehaltsunterschied zwischen Bachelor- und Diplomabsolventen werden, im Gegensatz zum Vorgängerbericht, totgeschwiegen. Leider sind die Probleme so real wie niemals zuvor. Auch bei der Darstellung der 138.500 Auslandsaufenthalte wurde mehr als nur ein Auge zugekniffen. Für viele Studenten ist dieser nur Notlösung zwischen Bachelor und Master. Ganz einfach, weil hier kein Platz für sie ist. Es gibt zu wenig Masterplätze und zu viele überfüllte Hochschulen, weil sich die Politik verkalkulierte. Dieses Problem taufte man im Bericht auf den netten Namen "Brückenmobilität", ohne allerdings konkrete Lösungs-Ansätze zu nennen. Schade.


Lernst du noch oder studierst du schon?

Das Leben ist kein Ponyhof, klar. Und das Studium erst recht nicht. Vielmehr sind Unis heute überfüllte Legebatterien und Studierende nur noch Nummern. Namen scheinen out zu sein. Schließlich nennt man Probleme auch nicht mehr beim selbigen. Im Eiltempo geht es durch das Studium, Zeit zum Genießen bleibt nicht. Regelstudienzeit forever - dieses Statement würde sich der ein oder andere Bildungsminister sicherlich gern auf den Oberarm tätowieren lassen. Über Demonstrationen versuchen sich die Studenten verzweifelt, Gehör zu verschaffen. Leider wird in der Politik laut gejubelt. Das beweist der euphorische Zwischenbericht aufs Neue. Durch Bologna werden Staatskosten auf Kosten der Studienqualität gespart. Universitäten erziehen junge Menschen nicht mehr zu mündigen Erwachsenen, die gut vorbereitet in den Job starten können. Dazu bleibt schlichtweg keine Zeit mehr. Aber Stop! Schluss jetzt mit Graumalerei - ändern können wir die Situation nicht. Was also stattdessen machen?


Erstmal die ganzen Leitfäden, Hochschulordnungen und Regelstudienzeitenfristenkatalogedingsbumsverordnungen beiseitetun. Vielleicht unter den wackeligen Campingtisch legen, wenn man auf dem Campus das nächste Mal mit Kommilitonen grillt. Mein Vorschlag: Lasst uns wieder Studenten sein - inklusive Studentenleben. Wir sind keine Roboter, programmiert auf Höchstleistung und Effizienz, und wollen es auch nicht sein. Im Studium sollte weiterhin Qualität vor Quantität stehen. Ja, Bologna ist ein Schritt in die richtige Richtung, keine Frage. Aber Fakten dürfen nicht länger falsch ausgelegt und echte Probleme verschwiegen werden. Wir bitten um Fair Play. Internationalisierung ist ein zentrales Thema, darf die Alltagsprobleme der Studierenden aber nicht überlagern. Denn nur so können in Zukunft auch schon während des Bachelors Auslandserfahrungen ohne Zweifel und Ängste gesammelt werden. Vielleicht ja sogar in Bologna.

Die Autorin: Jana Schütt

Die Autorin: Jana Schütt

1993 geboren. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachen zwischen Kühen und katastrophalen Busverbindungen – gelandet in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Dann ging es für Jana erstmal ab in die Werbung, als Texterin arbeiten. Inzwischen ist sie an der Uni Hamburg, um etwas über Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften zu lernen. Die Pointer-Autorin mag kein Gemüse, Kartoffelchips findet sie aber voll okay. Größter Traum: Niklas Luhmann auf einen Pfefferminztee treffen.

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Links

"Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften" (fsz) im Web
"Deutsches Studentenwerk" im Web
Der Bologna-Bericht (2012-2015) im Web
Der Bologna-Bericht (2009-2012) im Web

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