Unter Beobachtung

Assessment Center

published: 08.07.2015

Als Bewerber sollte man bei einem Assessment Center unbedingt in Business-Kleidung erscheinen (Foto: shutterstock.com/Minerva Studio) Als Bewerber sollte man bei einem Assessment Center unbedingt in Business-Kleidung erscheinen (Foto: shutterstock.com/Minerva Studio)

Wer alle Prüfungen hinter sich gebracht, stirnrunzelnden Profs sämtliche Fragen beantwortet und endlich auch die Abschlussarbeit abgegeben hat, gehört bald zur Garde der glücklichen Uni-Absolventen. Nun folgt die Suche nach einem passenden Job. Doch wer glaubt, jetzt vor nervenaufreibenden Prüfungen verschont zu bleiben, irrt gewaltig. Viele Arbeitgeber unterziehen ihre zukünftigen Angestellten nämlich einem ganz besonderen Einstellungstest: dem Assessment Center.

Wer als Antwort auf eine Bewerbung Post mit folgendem Text erhält, schluckt vermutlich erst einmal: "Vielen Dank für Ihre Bewerbung. Gerne würden wir Sie in unserem Assessment Center in zwei Wochen genauer kennen lernen." Nun heißt es, ruhig zu bleiben, denn Assessment Center können zwar sehr anstrengend sein, bieten euch jedoch auch die Chance, das Unternehmen genau unter die Lupe zu nehmen. Was dort auf euch zukommt und wie ihr euch wappnen könnt, weiß die Techniker Krankenkasse.




Was genau passiert bei einem Assessment Center?

Assessment Center sind sehr aufwändige Verfahren, um die Bewerber umfassend und unter möglichst realistischen Arbeitsbedingungen kennen zu lernen. Die Prozedur dauert teilweise bis zu drei Tage lang, an denen ihr und eure Mitbewerber verschiedene Übungen absolviert. Während ihr die Aufgaben löst, beobachtet euch eine Jury, die sich meist aus Vertretern der jeweiligen Fachabteilungen, der Personalabteilung, Psychologen oder auch externen Beratern zusammensetzt. Diese Experten wurden darauf geschult, aus eurem Verhalten spezielle Fähigkeiten abzuleiten.

Zwar unterscheiden sich Assessment Center nach angebotener Stelle und Unternehmen. Es gibt allerdings einige typische Übungen, die fast überall vorkommen und euch deshalb geläufig sein sollten. Am Ende eines Assessment Centers sollte ein umfassendes Abschlussgespräch stehen, bei dem eure Stärken und Schwächen dikutiert werden.

Die häufigsten Übungen

Gruppendiskussion
Hier soll ein vorgegebenes Thema mit den anderen Bewerbern kontrovers diskutiert werden. Thematisiert werden dabei weniger fachspezifische Bereiche, sondern Nachrichten aus Wirtschaft oder Politik. Wer das tagesaktuelle Geschehen regelmäßig verfolgt, hat hier klare Vorteile.

In einer Gruppendiskussion geht es zum einen darum, dass ihr einen Sachverhalt versteht, eine Position vertretet und zeigt, dass ihr überzeugende Argumente anführen könnt. Zum anderen gibt euer Verhalten auch Aufschluss über eure Sozialkompetenz und Teamfähigkeit sowie darüber, wie gut ihr euch in einer Gruppe durchsetzt. Dabei ist es wichtig, den anderen zuzuhören und Kompromisse zu schließen, aber auch, sicher und klar Stellung zu beziehen. Passt auf, dass ihr dabei freundlich bleibt, denn Stinkstiefel sind nirgends gern gesehen.

Rollenspiele
Viele von euch kennen Rollenspiele aus ihrer Freizeit. In einem Assessment Center soll diese Art von Aufgabe meist weniger über eure fachliche Kompetenz aussagen als über eure menschlichen Qualitäten. Die jeweiligen Situationen sollen nah am späteren Arbeitsalltag sein. Dabei müsst ihr euch beispielsweise in die Rolle des Chefs versetzen, der mit einem unmotivierten Mitarbeiter ein klärendes Gespräch führt. Möglich ist auch, dass ihr ein Produkt an einen besonders schwierigen Kunden verkaufen sollt. Vielleicht verhandelt ihr aber auch mit der unkooperativen Nachbarabteilung. Häufig sind Rollenspiele so konzipiert, dass es keine sachlich richtige Lösung gibt. Ein Konflikt ist also quasi programmiert. Versucht, soweit es euch möglich ist, als Chef, Mitarbeiter oder Verkäufer möglichst authentisch zu bleiben – auch, wenn dies auf den ersten Blick schwierig ist – und euch auf euer Gegenüber einzulassen.




Fallstudien
Bei Fallstudien kann es sich sowohl um Einzel- als auch um Gruppenaufgaben handeln. In der Regel wird euch dabei ein konkreter Sachverhalt aus dem Unternehmen beschrieben, für den ihr spezielle Strategien, Maßnahmen oder Veranstaltungen planen sollt. Hier geht es tatsächlich um branchentypische Probleme. Es wird beispielsweise von euch verlangt, in einer Firma mit 500 Mitarbeitern ein Bonussystem zu entwickeln, um die Arbeitnehmer zu motivieren. Vermutlich erhaltet ihr genaue Daten und Zahlen für einzelne Abteilungen, auf die ihr eure Ideen abstimmt.

Die Jury beurteilt hier zum einen, ob ihr ein Problem gründlich analysiert, wie gut ihr euer Vorgehen begründet und wie systematisch ihr arbeitet. Zum anderen punktet ihr mit Team- und Durchsetzungsfähigkeit. Zum Ende der Übung soll das Ergebnis meist schriftlich festgehalten oder in einer kurzen Präsentation vorgestellt werden.

Postkorbübung
Diese Übung ist so etwas wie der "Klassiker" unter den Aufgaben für Assessment Center. Es wird von euch gefordert, innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Informationen und Termine zu koordinieren und Prioritäten zu setzen. Eine Aufgabe könnte beispielsweise lauten: "Sie sind Geschäftsführer eines Automobilunternehmens. Gerade waren Sie geschäftlich eine Woche in Dortmund und kommen um 17.30 Uhr noch für eine halbe Stunde ins Büro. Morgen früh müssen Sie bereits um 8.20 Uhr am Bahnhof sein, von wo aus sie zu einer weiteren einwöchigen Geschäftsreise nach China aufbrechen, wo Sie nicht erreichbar sein werden. Ihre Sekretärin hat in ihrer Abwesenheit alle Anliegen aufgenommen und ihnen Notizen zurechtgelegt. Verschaffen Sie sich einen Überblick und treffen Sie wichtige Entscheidungen."

Bei dieser Aufgabe könnt ihr zeigen, dass ihr in der Lage seid, in stressigen Situationen Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Entscheidungen zu treffen und weitere Schritte zu organisieren. Normalerweise ist die veranschlagte Zeit bei Postkorbaufgaben zu knapp. Wichtig ist, dass ihr euch Notizen macht und später begründen könnt, warum ihr bestimmte Entscheidungen getroffen habt.

Präsentationsaufgaben
Normalerweise wird während eines Assessment Centers von euch verlangt, dass ihr eine kurze Selbstpräsentation haltet. Auf diese Aufgabe könnt ihr euch prima vorbereiten. Überlegt, welche eurer Stärken für die angebotene Stelle von Belang sein könnten und baut euren Vortrag darauf auf. Ihr solltet sowohl eine kurze als auch eine längere Variante in der Hinterhand haben.

Es ist wichtig, dass ihr eure Stärken und Schwächen kennt. Was tut ihr, um letztere in den Griff zu bekommen? Könnt ihr Stärken an konkreten Beispielen belegen? Habt ihr beispielsweise in Projekten mitgewirkt, ist dies der Zeitpunkt, darauf zu sprechen zu kommen.

Fragebögen
Viele Unternehmen benutzen standardisierte Fragebögen, um Informationen über Intelligenz, Persönlichkeit und Leistungsfähigkeit ihrer Bewerber zu erhalten. In diesen Tests geht es neben Faktenwissen auch darum, logische Zusammenhänge zu erkennen. Das kann beispielsweise anhand von sprachlichen Analogien oder logischen Zahlenreihen geprüft werden.

Macht euch mit gängigen IQ-Tests vertraut und übt bereits zu Hause. Ihr könnt euch viel Zeit ersparen, wenn ihr mit typischen Aufgabenstellungen vertraut seid und nicht durch Verständnisprobleme wichtige Zeit verliert.

"Gabeltest"
Eine häufige Variante, die Kandidaten unter die Lupe zu nehmen, ist ein gemeinsames Essengehen. Falls ihr nicht genau wisst, ob ein solcher Abendtermin zum Programm gehört, geht ihr besser davon aus. Nun heißt es, den Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass ihr mit gängigen Benimmregeln genau so vertraut seid wie mit der Kunst des Smalltalks. Überlegt euch vorher unverfängliche Themen, über die ihr bei Tisch reden könntet. Tabu sind dabei Politik, Religion und Sex, angebracht dagegen allgemeine Themen wie Sport oder Reisen. Seid darauf vorbereitet, auch Fragen zu eurem Lebenslauf zu beantworten. Übrigens: Nicht der, der am meisten redet, punktet hier. Beliebt machen sich diejenigen, die die richtige Balance zwischen Reden und Zuhören finden!

Während eines solchen Treffens bewegt ihr euch auf einem schmalen Grat zwischen lockerer Atmosphäre und korrektem gesellschaftlichen Auftreten. Achtet darauf, was ihr von euch erzählt und erscheint nicht etwa in Jeans und T-Shirt. Es gilt: Lieber etwas schicker als der Schmuddellook. Auch vom Alkohol solltet ihr lieber die Finger lassen, da er euer Reaktionsvermögen einschränkt und ihr euch nicht mehr von der besten Seite präsentieren könnt.

Nicht vergessen

Generell gilt für fast alle Bestandteile eines Assessment Centers, dass die an euch gestellten Zeitvorgaben meistens zu knapp sind. Das liegt jedoch keinesfalls daran, dass ihr zu langsam arbeitet. Vielmehr soll dadurch herausgefunden werden, wie die Kandidaten unter Stress reagieren. Versucht also, so ruhig wie möglich zu bleiben und achtet darauf, Prioritäten zu setzen und nacheinander abzuarbeiten.

Wenn ihr wissen wollt, welche Kriterien bei eurem Assessment Center im Fokus stehen, verrät die Stellenanzeige einiges. Bei einem Job im Vertrieb wird vermutlich Wert auf Kundenumgang und Überzeugungskraft gelegt, während bei Führungspositionen Motivations- und Delegationsfähigkeiten wichtig sind.

Jeder Bewerber, der zu einem Assessment Center erscheint, sollte vorher entsprechende Literatur gelesen haben. In der Uni-Bibliothek findet ihr bestimmt eine große Auswahl an Büchern, die euch spezielle Übungen vorstellen und Tipps für die Vorbereitung geben.

Im Feedback am Ende des Assessment Centers geht es nicht darum, sich zu verteidigen. Vielmehr bedeutet ein ausführliches Gespräch eine Chance, eure Schwächen besser kennen zu lernen. Vielleicht könnt ihr dadurch beim nächsten Mal wertvolle Punkte sammeln.

[Franzisca Teske]

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