Der erste Arbeitsvertrag

Ein Buch mit sieben Siegeln? - Teil 1

published: 18.10.2006

Sabine Hockling/Ulf Weigelt  - "Arbeitsrecht. Arbeitverhältnisse richtig regeln - Konflikte auf gleicher Augenhöhe austragen" (Foto: Cornelsen)Sabine Hockling/Ulf Weigelt - "Arbeitsrecht. Arbeitverhältnisse richtig regeln - Konflikte auf gleicher Augenhöhe austragen" (Foto: Cornelsen)

Egal ob erster richtiger Job, Minijob oder Praktikum - was gehört eigentlich in den Arbeitsvertrag und welche Ansprüche hat man überhaupt? Mit solchen Fragen sollte man sich spätestens vor einem Bewerbungsgespräch gründlich auseinandersetzen. Einen guten Überblick zu diesen Themen bietet das Taschenbuch „Arbeitsrecht“ von Sabine Hockling und Ulf Weigelt. In sechs Kapiteln beschäftigt es sich mit den Bereichen „Arbeitsvertrag“, „Arbeitsplatz“, „Gehalt und Leistungen“, „Kündigung“, „Jobwechsel und Bewerbung“ sowie „Betriebsrat und Sozialplan“.

Im Interview beantwortet die Autorin und Wirtschaftsredakteurin Sabine Hockling bereits die wichtigsten Fragen. Im ersten Teil des Interviews erfahrt ihr alles rund um den Arbeitsvertrag: Wer hat Anspruch auf einen Vertrag, was sollte zwingend drinstehen und worauf sollte man sich nicht einlassen?

Worauf muss ich besonders achten, wenn ich einen Arbeitsvertrag abschließe?
Sabine Hockling: „Zunächst müssen beide Vertragsparteien, also der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, ihre Adressen eintragen. Weiterhin muss die Kündigungsfrist eingetragen werden, genauso wie Urlaubsgeld und die genau aufgesplitteten Bezüge bzw. die Zusammensetzung des Gehalts. Betriebsvereinbarungen, die das Unternehmen mit dem Betriebsrat geschlossen hat, sollten hier ebenfalls vermerkt werden, genauso welcher Tarifvertrag unter Umständen Anwendung findet. Auch der Urlaubsanspruch steht im Vertrag.“

Was ist mit Probezeiten?
„Ich kenne kaum einen Arbeitsvertrag, in dem keine Probezeiten enthalten sind. Eine Probezeit entfällt höchstens, wenn ein Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens wechselt. Wenn man als Journalist beispielsweise von einer Publikation zur anderen wechselt oder mit einem Chefredakteur mitgeht, der weiß, wie sein Mitarbeiter arbeitet, dann kann man auf eine Probezeit verzichten. Eigentlich ist es üblich, eine Probezeit von sechs Monaten zu vereinbaren.“

Ist das negativ für den Arbeitnehmer?
„Nein, denn diese Probezeit gilt für beide Seiten als Prüfphase. Der Arbeitnehmer kann ja auch feststellen, dass einem etwas nicht gefällt, beispielsweise der Chef oder die Kultur des Unternehmens. Dann hat er durch die Probezeit die Möglichkeit, schnell auszusteigen. Für das Unternehmen ist die Probezeit natürlich auch wichtig: Man bindet sich an einen Menschen, den man nicht kennt, und in sechs Monaten kann man überprüfen, ob er zum Team und zum Unternehmen passt und ob er seinen Job erfüllen kann.“

Was ist mit Überstunden? Muss man bereit sein, eine bestimmte Anzahl an Überstunden zu leisten und darauf vertrauen, dass sie ausbezahlt werden?
„Häufig gibt es im Arbeitsvertrag eine Klausel, gegen die man sich schwer wehren kann. Sie lautet: ‚Die Arbeitszeit richtet sich nach den betrieblichen Erfordernissen’. Das bedeutet, dass Überstunden nicht extra bezahlt werden, dass sie mit dem Gehalt abgegolten sind. Unternehmen heben dann häufig das Gehalt von vornherein etwas an. Ansonsten gilt die Überstundenregelung, die im Arbeitsvertrag steht. Wenn man eine 35- oder 38- oder 40-Stunden-Woche hat, ist festgelegt, ob man für Überstunden einen Freizeitausgleich oder einen monetären Ausgleich bekommt.“

Was sollte man nicht unterschreiben?
„Zunächst sollte man erst einmal abwarten, was im Vertrag überhaupt drinsteht.
Man bekommt den Vertrag ja zugeschickt, nachdem man das Bewerbungsgespräch hatte, in dem man sich auf alles geeinigt hatte. Man sollte den Vertrag immer von einem Anwalt oder einer sonstigen fachkundigen Person lesen lassen. Das sind Agenturen, die ganz viele Anwälte beschäftigen, und nicht so teuer sind. Ansonsten kann man im Internet recherchieren oder vielleicht ein Büchlein kaufen und nachschauen, bevor man unterschreibt. Gefährlich ist etwa die Versetzungsklausel. Es steht häufig im Vertrag, dass das Unternehmen sich die Organisationsform oder auch den Einsatzort vorbehält. Eine Versetzungsklausel ist zwar nicht dramatisch, die kann man unterschreiben, aber man muss darauf achten, dass man nicht von Hamburg bis nach München einfach versetzt werden kann. Die Ortsklausel würde ich zum Beispiel nicht unterschreiben, wenn ich wüsste, dass das Unternehmen in ganz Deutschland Filialen hat und ich nicht umziehen möchte oder kann.“

Wie sieht das konkret aus?
„Man ist beispielsweise bei einer Drogerie angestellt. Unterschreibt man diese Klausel, könnte der Chef, wenn er einen loswerden will, im Zweifel sagen: ‚Ich habe für Dich in Hamburg keine Stelle. Geh´ doch nach München!’“

Gilt das alles auch für Minijobs?
„Ja. Ein Minijob ist ein ganz normaler Job, obwohl man nur bis zu 400 Euro verdient, ist es trotzdem ein Arbeitsverhältnis. Als Minijobber sollte man sogar ganz stark darauf drängen, einen Arbeitsvertrag zu bekommen, weil einem dann anteilig Urlaubs- und Weihnachtsgeld zusteht, sollte dies auch Vollzeitbeschäftigten regelmäßig gezahlt werden. Alles, was andere Arbeitnehmer bekommen, die fulltime für das Unternehmen tätig sind, steht dem Minijobber auch zu.“

Brauche ich überhaupt einen Arbeitsvertrag, wenn ich als Student oder Studentin jobbe?
„Man braucht ihn nicht, aber es steht jedem Studenten grundsätzlich zu, einen Arbeitsvertrag abzuschließen, da das Arbeitsgesetz bzw. das Nachweisgesetz keinen Unterschied zwischen normalen Arbeitnehmern und Studenten macht.“

Was wird in einem solchen Arbeitsvertrag geregelt?
„Es wird von vornherein geregelt, wie viel Urlaub einem als jobbender Student zusteht. Urlaubsgeld steht einem eventuell auch zu. Außerdem werden die Arbeitszeiten geregelt und die Kündigungsfrist. Das können ganz unterschiedliche Fristen sein. Ein wichtiger Punkt ist auch der Einsatzort. Man nimmt den Tätigkeitsbereich und die Bezeichnung in den Vertrag auf. Wenn man zum Beispiel als Promotionmädel für eine Zigarettenmarke angestellt wird, kann der Arbeitgeber nicht auf einmal sagen: ‚Du gefällst uns auf der Straße nicht mehr, geh´ mal die Toiletten putzen.’“

Viele Betriebe vergeben grundsätzlich nur befristete Verträge. Was ist davon zu halten?
„Wenn man keine andere Wahl hat und der Arbeitgeber kann oder will erst einmal nur für ein Jahr befristet einstellen, dann heißt es‚ Vogel friss oder stirb’: Entweder man nimmt den befristeten Vertrag an oder man bekommt den Job nicht. Ich würde immer dazu raten, zunächst anzunehmen. Behauptet man sich dann im Unternehmen und leistet gute Arbeit, kann man darauf bauen, dass daraus später ein unbefristeter Arbeitsvertrag wird.“

Angenommen ich bekomme nach meinem Examen nicht sofort meine Wunsch-Stelle und entscheide mich deswegen dafür, zunächst ein unbezahltes Praktikum zu machen. Brauche ich da auch einen Vertrag?
„Ja und den würde ich auch machen. Mir persönlich wäre es immer wichtig, ein Schriftstück in der Hand zu haben. Ich möchte anschließend auch ein Zeugnis haben, denn meistens rennt man hinter Zeugnissen her. Wenn man einen schriftlichen Vertrag hat, ist das leichter durchzusetzen. “

Welche Regelungen sind bei Praktika sonst noch üblich?
„Es steht einem sogar Urlaub zu, da man für einen gewissen Zeitraum unter Umständen ganz normal angestellt ist. Wenn man kein Honorar oder Gehalt bekommt, steht häufig im Arbeitsvertrag, dass Fahrkarten bezahlt werden oder Essensgeld, die klassischen 5 Euro pro Tag.“

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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