Corona-Pandemie

Meine Tage in Quarantäne

published: 31.03.2020

Für viele Menschen bedeutet die Covid-19-Pandemie häusliche Quarantäne (Symbolbild: Deliris/Shutterstock.com) Für viele Menschen bedeutet die Covid-19-Pandemie häusliche Quarantäne (Symbolbild: Deliris/Shutterstock.com)

In den letzten Tagen habe ich meine Wohnung sehr gut kennengelernt, denn ich war eingesperrt. Nun habe ich wieder Freigang, doch die meiste Zeit des Tages bin ich weiterhin zu Hause. Das Bett und die Wohnung teile ich mir schon eine ganze Weile mit meiner Zellengenossin, doch diese Art der Nähe ist neu. Spätestens wenn die Freiwilligkeit der sozialen Isolation endet, verändert sich etwas. Der Grund für diese Gefangenschaft ist das Coronavirus. Doch nochmal langsam und von Anfang an.

Am 7. März kehren meine Freundin und ich aus dem gemeinsamen Skiurlaub zurück. Sie hat noch eine weitere Woche frei, ich hingegen gehe wieder zur Arbeit. Ischgl gilt zu diesem Zeitpunkt wie Italien als Risikogebiet. Bald wird auch Tirol dazu gehören. Wir waren im Salzburger Land. Im Urlaub noch nehmen wir das Thema kaum ernst. Wir freuen uns gar über die herzliche Begrüßung eines Hüttenwirts mit Handschlag. Der habe keine Panik vor diesem Virus.

Wieder in Hamburg dämmert uns langsam, dass die Sache wohl ernster ist, als zunächst angenommen. Das Händewaschen, ohnehin die erste Amtshandlung beim Nachhausekommen, fällt jetzt deutlich gründlicher aus als früher. Wir beginnen, Verabredungen abzusagen, und warnen auch unsere Familien, keine unnötigen Kontakte einzugehen. #FlattenTheCurve wird zum Credo. Wir wollen solidarisch sein.
 

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Am Ende unserer ersten Woche zurück im Norden appelliert der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an alle Österreich-Rückkehrer, zu Hause zu bleiben, obwohl offiziell nicht ganz Österreich als Risikogebiet gilt. Wir wollen dem nachkommen und die zweite Woche nach dem Urlaub vorsichtshalber zu Hause bleiben. Die Hamburger "Skiferien" sind vorbei und es kehren gerade viele Familien aus Österreich zurück nach Hamburg. In der Folge schießt die Zahl der offiziellen Corona-Fälle in Hamburg in die Höhe.

Meine Freundin arbeitet im sozialen Bereich. Sie fragt ihren Chef mehrfach, ob sie zur Arbeit kommen soll oder nicht. Dessen Meinung wandelt sich im Verlauf des Wochenendes. Aus "Händewaschen reicht doch" am Freitag wird "Bevor Sie nicht negativ getestet sind, kommen Sie bitte nicht zur Arbeit" am Montag Morgen.
 

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Die Testkapazitäten in Deutschland sind begrenzt. Nicht einmal alle, die Symptome haben, werden getestet. Experten raten, vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen zu testen, um die Labore nicht zu überlasten. Meine Freundin ist weder alt, noch hat sie Vorerkrankungen. Sie hat auch keine Symptome. Nach einem Anruf beim Arzt wird sie dennoch zum Test eingeladen - wohl wegen ihres Berufs.

Danach stehen wir unter häuslicher Quarantäne. Es wurde offiziell angeordnet, dass wir zu Hause bleiben müssen, bis das Ergebnis da ist. Was wir zuvor freiwillig machten, ist nun verordnet. Doch nicht nur, dass jetzt der Einkauf entfällt, ist anders. Ab dem Moment, da es nicht mehr unsere Entscheidung ist, zu Hause zu bleiben, fühlt es sich anders an. Es fühlt sich spürbar mehr nach Einsperrung an.
 

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Die Arbeit zu Hause zu erledigen, fällt ohnehin nicht leicht. Das verlangt klare Strukturen und Selbstdisziplin. Ablenkungen finden sich in jedem Winkel und eine Ablenkung ist auch noch beweglich: meine Freundin. "Können wir jetzt kochen?", "Das Robert Koch-Institut geht jetzt übrigens davon aus, dass…", "Lass uns mal eben aufräumen", "Hast du gesehen, dass" und viele weitere Sätze, die sonst abends fallen, wenn man Feierabend hat, hören wir plötzlich über den ganzen Tag verteilt. Sie helfen ausgezeichnet dabei, nicht das zu tun, was man eigentlich tun sollte. Wir halten einander immer wieder von der Arbeit ab. Bald wird endlich das Ergebnis kommen und es wird negativ sein, denke ich, und dann kann ich wieder besser arbeiten.

Am Dienstag hat ein Freund eine Idee, die auf Begeisterung stößt. Um der Isolation die Stirn zu bieten, verabreden wir uns zur Videokonferenz im Freundeskreis. Mit Bier oder Wein, Laptop oder Smartphone bewaffnet, entstauben wir am Abend unsere Skype-Passwörter und fügen einander als Kontakte hinzu. Es fühlt sich so an, als hätten wir uns alle eine Ewigkeit nicht gesehen. Nachdem wir anfangs alle durcheinander reden und nichts zu verstehen ist, wird es am Ende ein dreistündiges Gespräch. Toll. Es ist fast so, als säßen wir gemeinsam in der Kneipe.
 

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Am Mittwoch Abend ruft der Arzt an, um das Testergebnis mitzuteilen. Der Test ist erwartungsgemäß negativ ausgefallen. Allerdings seien zwei Personen, mit denen meine Freundin im Wartezimmer saß, positiv getestet worden. Das ziehe leider Konsequenzen nach sich: Ab dem Zeitpunkt des Arztbesuchs gilt für meine Freundin nun wieder Vorsichtsquarantäne. Entwickelt sie in diesen zwei Wochen keine Symptome, darf sie im Anschluss wieder arbeiten. Da ich im Home-Office bin, bleiben wir also noch einige Zeit gemeinsam zu Hause. Immerhin: Ich darf nun wieder einkaufen gehen.

Um produktiver zu werden, räumen wir am Donnerstag in unserer Wohnung um und schaffen Arbeitsplätze in getrennten Räumen. Ich kann mich am besten konzentrieren, wenn ich absolute Ruhe habe und nur für mich bin. Die neue Zellenaufteilung soll der Produktivität und uns beiden gut tun. Dafür nehmen wir einen Schreibtisch samt Computer im Schlafzimmer in Kauf. Das hatten wir zuvor ausgeschlossen.
 

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Unsere Situation hat glücklicherweise nichts mit echter Einsperrung, geschweige denn Gefängnissen zu tun. Wir leiden keinen Hunger, können mittlerweile auch mal spazieren gehen und haben einander ausgesucht. Zweifelsohne ist dies eine besondere Zeit für die gesamte Gesellschaft, in der vieles neu ist und nicht alles einfach. Wenn wir aber im Sinne des Miteinanders Abstand zueinander halten, werden wir die Pandemie überstehen.

Für mich waren es nur wenige Tage, in denen ich die Wohnung wirklich nicht verlassen durfte. Andere Menschen sind über Wochen in den eigenen vier Wänden eingesperrt. Manche ganz allein. Sie müssen sich zwar nicht mit anderen arrangieren, angenehm macht das die Situation aber gewiss nicht.



Der Autor: Hauke Koop

Der Autor: Hauke Koop

In Lüneburg geboren und aufgewachsen, zog es Hauke für die Ausbildung nach Hamburg. Im Anschluss begann er in der Hansestadt ein Studium der Politikwissenschaft. Der Cineast und Serienjunkie fährt gerne lange Strecken mit dem Fahrrad und findet Radrennen auch im Fernsehen spannend. Für Pointer schreibt er unter anderem über Filme, Musik und aktuelle (Uni-) Themen.

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