Das sagt die Forschung

Verschwörungs­theorien in der Corona-Krise

published: 21.06.2020

Ein offenbar verschwörungsgläubiger Mann positioniert sich mit seinem T-Shirt-Aufdruck gegen eine vermeintliche Impf-Dikatatur (Foto: philippgehrke.de / Shutterstock.com) Ein offenbar verschwörungsgläubiger Mann positioniert sich mit seinem T-Shirt-Aufdruck gegen eine vermeintliche Impf-Dikatatur (Foto: philippgehrke.de / Shutterstock.com)

Während der Corona-Pandemie erlebten nicht nur Hefe und Toilettenpapier Hochkonjunktur. Auch Verschwörungstheorien scheinen sich größerer Beliebtheit zu erfreuen. An deutschen Hochschulen untersuchen Forscherinnen und Forscher die Gründe für den Boom solcher Erzählungen, denen auch Prominente wie der Tanzchoreograph Detlef Soost und der Vegan-Koch Attila Hildmann zu folgen scheinen. Auch der Sänger Xavier Naidoo fiel mit entsprechenden Videos auf. Für ihn sind Verschwörungserzählungen kein Neuland, behauptete er doch bereits im Mai 2011 bei einem Auftritt im ZDF-Morgenmagazin, Deutschland sei ein besetztes Land.
 

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Verschwörungstheorien bieten in einer komplex erscheinenden Welt relativ einfache Erklärungen an. Tatsächlich gab es in der Geschichte schon diverse Verschwörungen, etwa die Watergate-Affäre in den USA. Daraus folgt aber nicht, dass an allen Verschwörungstheorien etwas dran ist. Das trifft auf die allermeisten nicht zu. In ihrem Kern steht der Zweifel an der offiziellen Darstellung eines Geschehens, gefolgt von der Frage nach dem Nutznießer. Während es durchaus berechtigt ist, Darstellungen in Frage zu stellen, und dies auch die Grundlage von Journalismus und Wissenschaft ist, setzen Verschwörungsgläubige ihre Version der Geschehnisse als wahr voraus und immunisieren sie damit gegenüber Kritik. Wer mit Fakten und Gegenargumenten kommt, ist in ihren Augen Teil der Verschwörung, Opfer einer Gehirnwäsche oder Ähnlichem.

Im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 gibt es verschiedene Erzählungen. Eine behauptet, das Virus stamme aus einem Labor, andere, dass es gar kein Virus gebe. Häufig stehen diese Aussagen im Zusammenhang mit einer Impfung gegen das Virus, das in solchen Erzählungen häufig bloß Vorwand oder Erfindung ist. Eine weit verbreitete Verschwörungstheorie um Zwangsimpfungen dreht sich um Microsoft-Gründer und Milliardär Bill Gates. Der will nach dem Narrativ der Verschwörungsgläubigen die Menschheit reduzieren und mittels Corona-Impfstoff allen Menschen einen Chip einpflanzen. Eine andere Erzählung lautet, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werde. Um den neuen Mobilfunkstandard ranken sich schon länger zahlreiche Mythen, die von Gedankenkontrolle über Krebserkrankungen bis zu Tiersterben reichen.
 

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Der Begriff "Verschwörungstheorie" ist mit Vorsicht zu benutzen. Denn um Theorien im wissenschaftlichen Sinne handelt es sich bei ihnen nicht. Sie sind keine auf Fakten basierenden Annahmen und nicht falsifizierbar. Die Theorie wird bei veränderter Faktenlage nicht angepasst oder verworfen, sondern umgekehrt verwerfen die Verschwörungsgläubigen eher die Fakten. Der Theoriebegriff, so die Kritik, werte die Verschwörungstheorien also unnötig auf. In der Literatur wurden verschiedene alternative Begriffe vorgeschlagen, die mitunter auch dezidiert einzelne Bereiche des Komplexes bezeichnen. Einige dieser Begriffe lauten Verschwörungserzählung, Verschwörungsmythos und Verschwörungsideologie. Der Begriff der Verschwörungstheorie bleibt aber der am meisten verbreitete. Er wird teilweise auch von denen weiter benutzt, die ihn eigentlich kritisieren.

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty von der Uni Mainz forscht schon seit Jahren zum Thema. Ihr Buch "Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen", das sie mit Katharina Nocun herausgegeben hat, ist derzeit auf den Bestsellerlisten zu finden. Lamberty sagt, Verschwörungsglaube sei ein Phänomen der gesamten Gesellschaft. Zwar sei er besonders verbreitet bei Menschen, die sich politisch rechts verorten, aber nicht auf diese beschränkt. Ihr zufolge spielen die klassischen Dimensionen der Persönlichkeit eher keine Rolle. Über die Funktion der Erzählungen sagt sie, dass diese die Welt strukturierten, was für Menschen, die das Gefühl hätten, keine Kontrolle zu haben, eine Strategie des Umgangs damit sein kann.




Das meinen auch die Sozialpsychologinnen Julia Becker und Luisa Liekefett von der Universität Osnabrück. In einer Pressemitteilung sagt Becker: "Die Personen, die an die Verschwörungstheorien glauben, zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie glauben, in einer bedrohlichen Welt zu leben. Sie können außerdem mit Ungewissheit schlecht umgehen, darum sind ihnen Verschwörungstheorien willkommen, weil sie ihnen durch einfache Erklärungen wieder Kontrolle und Gewissheit zurückgeben." Liekefett und Becker interessiert, was die Personen, die derzeit an Protesten gegen die Corona-Maßnahmen teilnehmen, auszeichnet und warum Anhänger von Verschwörungstheorien derzeit Zulauf erhalten. Für eine Studie befragten sie 1000 Personen, die bisher nicht an Covid-19 erkrankt sind. Ein Drittel der Teilnehmenden stimmt demnach Indikatoren von Verschwörungserzählungen zu und glaubt, dass das Virus im Labor entstanden sei. Zu Kundgebungen würden indes nur 9 Prozent gehen. Immerhin 24 Prozent der Befragten würde eine Petition unterzeichnen.

Die Psychologen Claus-Christian Carbon und Marius Raab forschen an der Universität Bamberg zu Verschwörungsmythen - und das nicht erst, seit das Coronavirus der Szene prominenten Zulauf beschert. Die Bamberger Psychologen fragen sich, warum manche Menschen anfälliger für Verschwörungstheorien sind als andere. Dazu untersuchten sie, wie Menschen mit Informationen umgehen, und welche Informationen in ihre weiteren Überlegungen einfließen. Um das herauszufinden, bedienen sich die Forscher der Methode der "Narrativen Konstruktion". Versuchsteilnehmer bekommen verschiedene Aussagen zu einem Thema vorgelegt, deren Quellen von offiziellen Darstellungen bis zu dubiosen YouTube-Videos, Blogs und Foreneinträgen reichen. Daraus sollen sie eine für sie schlüssige Geschichte basteln.
 

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Die Bamberger Psychologen meinen, die Qualität einer Geschichte sowie das Vorwissen und die Informationsquellen haben großen Einfluss darauf, wie sehr eine Person zu Verschwörungserzählungen neigt. Zudem spiele es eine Rolle, wie häufig wir eine Information hören. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk erklärt Carbon: "Wenn Sie beispielsweise immer wieder hören, dass der Virus vermutlich aus Wuhan kommt oder der Virus heißt plötzlich Wuhan-Virus - dann ist es eben nicht mehr ein Virus, der vielleicht aus Wuhan kommt, sondern dann kommt der aus Wuhan."

Wie aber soll man mit Menschen umgehen, die an diese Erzählungen glauben? Was tun, wenn Verwandte den "Mainstream-Medien" misstrauen und hinter allem einen geheimen Plan vermuten? Dem Sozial- und Wirtschaftspsychologen Prof. Dr. Andreas Kastenmüller von der Universität Siegen nach sind die Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien schwer von anderen Meinungen zu überzeugen. Er rät dennoch, auf jeden Fall zu widersprechen, selbst wenn gute Argumente fehlen. Er weiß aber auch, dass das Zivilcourage und Mut erfordert. Sein Kollege Dr. Niels Penke, Literaturwissenschaftler an der Siegener Uni, warnt vor den Gefahren, die Verschwörungserzählungen, -mythen und -ideologien mit sich bringen: "Die latente Gefahr ist: Verschwörungstheorien liefern immer auch Lösungen für die Probleme. Den entscheidenden Personen muss das Handwerk gelegt werden. Wie genau das aussehen soll, bleibt aber offen", so Penke. "Nach dem Motto: Wir liefern euch den Bösewicht. Entscheidet ihr, was ihr mit ihm machen wollt."
 

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Der Autor: Hauke Koop

Der Autor: Hauke Koop

In Lüneburg geboren und aufgewachsen, zog es Hauke für die Ausbildung nach Hamburg. Im Anschluss begann er in der Hansestadt ein Studium der Politikwissenschaft. Der Cineast und Serienjunkie fährt gerne lange Strecken mit dem Fahrrad und findet Radrennen auch im Fernsehen spannend. Für Pointer schreibt er unter anderem über Filme, Musik und aktuelle (Uni-) Themen.

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